Vor fast genau einem Jahr haben wir mit Präsident und Aufsichtsratschef Martin Fröhlich über die damals unbefriedigende sportliche Lage der Alemannia gesprochen. Jetzt sahen wir uns wieder genötigt, das Thema anzusprechen. Sowie das ein oder andere darüber hinaus.

Ein Sieg gegen den Spitzenreiter. Ist jetzt alles wieder gut?

(lacht) Natürlich hat uns das gefallen. Der Auftritt der Mannschaft. Das Pushen durch die Fans. Und der Last-Minute-Siegtreffer nach zwei Rückständen. Aber man darf sich durch einen punktuellen Erfolg nicht blenden lassen. Ebenso wenig darf man sich von einigen wenigen vielleicht nicht so guten Vorstellungen aus der Ruhe bringen lassen. Deshalb kann ich jetzt auch nicht sagen, dass alles gut sei. Ich habe aber auch vorher nicht gemeint, dass alles schlecht sei.

Vor einem Jahr saßen wir zusammen und haben eine beinahe identische Situation diskutiert. Auch damals gaben Sie die Parole aus „Ruhe bewahren.“ Sie haben dem Trainer das Vertrauen ausgesprochen und die besonderen Umstände nach der zweiten Insolvenz ins Feld geführt. Zwölf Monate später sprechen wir erneut über eine insgesamt wenig zufriedenstellende Entwicklung. Muss man nicht feststellen, dass es eine echte Weiterentwicklung nicht gegeben hat? Und das, obwohl sich die Rahmenbedingungen deutlich verbessert haben.

Ich muss da widersprechen. Aus meiner Sicht hat es sehr wohl eine Entwicklung gegeben. In der vergangenen Saison hat die Mannschaft nach einem schlechten Start die Kurve bekommen. Sie hat phasenweise sehr guten Fußball gespielt und ist ein ganzes Stück nach oben geklettert. Zudem haben wir das Verbandspokalfinale gewonnen. Das ist auch eine Leistung. Nur in der Meisterschaft hat die Mannschaft zum Ende hin, als nach oben und unten nichts mehr ging, leider wieder geschwächelt. Und auch in der laufenden Spielzeit hat die Mannschaft bereits gut funktioniert.

Sie wollen doch nicht behaupten, dass der bisherige Saisonverlauf Ihren Erwartungen entspricht.

Natürlich hatten wir gehofft, dieses Mal besser in die Saison zu starten. Vor allem auch, weil der Kader in weiten Teilen zusammengeblieben ist und schon sehr früh stand. Das ist nicht passiert. Somit hängen wir schon hinter unseren Erwartungen zurück. Doch wir sind der Überzeugung, dass man mit dieser Mannschaft guten, erfolgreichen Fußball spielen kann. Das hat die Saison auch schon gezeigt.

„Der Trainer hat vom Aufstieg gesprochen. Wir haben das nicht getan.“

Der Trainer hat vor Saisonstart selbstbewusst das Wort „Aufstieg“ in den Mund genommen. Von diesem Ziel ist die Alemannia inzwischen weit weg. Wahrscheinlich ist es sogar heute schon nicht mehr erreichbar. Muss man die Zielsetzung jetzt ändern? Fuat Kilic hat seine Aussage ja inzwischen selbst als Fehler bezeichnet.

Der Trainer hat vom Aufstieg gesprochen. Wir haben das niemals getan. Mit keiner Silbe. Unsere Zielsetzung war immer eine andere. Wir wollen eine gute Rolle spielen, indem wir so lange wie möglich in Schlagdistanz zu den oberen Plätzen bleiben. Und das muss mit dieser Mannschaft möglich sein. Und noch wir sind davon überzeugt, das zu schaffen.

Dr. Martin Fröhlich (Foto: Joe Gras)

Fuat Kilic hat ja wohl bereits eingeräumt, dass seine sehr ambitionierte Zielsetzung kontraproduktiv gewesen sei. Stimmen Sie dem zu?

Angesichts der finanziellen Möglichkeiten der Topvereine in der Liga haben wir dieses Ziel von Beginn an für unrealistisch gehalten. Um das zu erreichen, müsste zu viel zusammenkommen. Für uns ist aber etwas Anderes entscheidend. Die sportliche Entwicklung muss zwingend im Einklang mit der wirtschaftlichen Konsolidierung geschehen.

„Mit der wirtschaftlichen Entwicklung können wir zufrieden sein.“

Und da sehen Sie sich im Soll?

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung können wir in der Tat zufrieden sein. Noch sind die finalen Zahlen nicht da. Aber es ist jetzt schon klar, dass wir das abgelaufene Geschäftsjahr 2018/2019 mit einem kleinen Plus abgeschlossen haben. Das schaffen nicht viele Regionalligisten. Und auch für das laufende Geschäftsjahr erwarten wir ein positives Ergebnis. Das ist zwei Jahre nach der letzten Insolvenz die wirklich wichtige Nachricht.

In der Öffentlichkeit schwirren viele unterschiedliche Zahlen herum. Können Sie Klarheit schaffen und den Sportetat benennen, mit dem die Verantwortlichen arbeiten können?

Wir können noch keine definitive Zahl nennen, weil wir an der einen und anderen Stelle noch Dinge festzurren müssen. In die vergangene Saison starteten wir mit 1,2 Millionen Euro. Diesen Betrag konnten wir im Laufe der Spielzeit auf knapp 1,3 Millionen Euro aufstocken. In dieser Saison planen wir mit einem Plus von 15 Prozent.

Die Aufstockung des Etats ist im Wesentlichen also der Qualifikation für den DFB-Pokal sowie im Nachgang auch dem ausverkauften Stadion gegen Leverkusen zu verdanken? Oder konnten auch die Sponsoringeinnahmen erhöht werden?

Richtig. Im Wesentlichen konnten wir die Aufstockung aufgrund der Teilnahme am DFB-Pokal realisieren. Noch liegt die endgültige Abrechnung nicht vor. Aber wir können heute schon sagen, dass wir für unsere Verhältnisse einen signifikanten Beitrag erwirtschaftet haben. Der größte Teil davon wird in den Sport fließen. Bei Sponsoring planen wir mit einem Zuwachs von etwa zehn Prozent im Vergleich zu den zwei Millionen des Vorjahres. Andererseits beruhen unsere Zahlen auch auf einer erhöhten Zuschauerkalkulation von 5.600.

Was bedeutet bei den Pokaleinnahmen „signifikanter Betrag“? Können Sie uns eine Größenordnung nennen? Und wann darf Fuat Kilic über das Geld verfügen, wenn die genauen Zahlen noch nicht vorliegen?

Ich verstehe Ihre Nachfrage. Aber einen konkreten Betrag möchte ich öffentlich nicht nennen. Fuat Kilic kennt den Rahmen, in dem er sich bewegen kann.

Wenn das Etatplus dem DFB-Pokal geschuldet ist, müssten Sie doch das Budget für die kommende Saison eventuell wieder kürzen, sollten Sie nicht erneut die erste Pokalhauptrunde erreichen.

Völlig richtig. Die Summe, mit der wir zurzeit seriös eine Saison planen können, beläuft sich auf 1,2 bis 1,3 Millionen Euro für den Sport. Mehr ist nicht drin. Mehr Mittel können wir nur dann bereitstellen, wenn wir Zusatzeffekte erzielen. Wie zum Beispiel über den Pokal, etwaige Unterstützung der Stadt oder außerordentliche Zuwächse auf der Sponsorenseite.

„Am Ende des Tages ist mir eine vernünftige wirtschaftliche Entwicklung wichtiger.“

Muss man nicht irgendwann auch ein größeres Risiko eingehen, um die Chance, die Liga zu verlassen, deutlich zu erhöhen?

Nach zwei Insolvenzen wäre es grob fahrlässig, wenn wir ins Risiko gehen würden. Unser Programm ist die kontinuierliche und nachhaltige Konsolidierung der Alemannia. Wir wollen und müssen wieder als vertrauensvoller und seriöser Partner wahrgenommen werden. Und das funktioniert nur, wenn wir entsprechend wirtschaften. Nein, dieser Aufsichtsrat wird bestimmt nicht zocken. Am Ende des Tages ist mir eine vernünftige wirtschaftliche Entwicklung wichtiger als ein Platz besser oder schlechter in der Tabelle.

Aber wie lange kann man einen solchen Kurs fahren, wenn man damit wissentlich einkalkuliert, dass die sportliche Entwicklung dabei stagniert? Strapazieren Sie auf diese Weise nicht die Geduld des Publikums?

Mir ist durchaus bewusst, dass das keine Dauerlösung ist. Wir werden irgendwann einmal mehr investieren und auch ein kontrolliertes Risiko eingehen müssen, wenn wir den Aufstieg ein Stück wahrscheinlicher machen wollen. Das gilt jedoch bestimmt nicht für das Jahr zwei nach der Insolvenz. Und auch nicht für die kommende Saison. Das Pflänzchen Alemannia wächst und gedeiht. Aber es ist immer noch ein zartes. Wir werden nichts unternehmen, um es noch einmal zu gefährden.

Die Einbindung eines Investors wäre eine weitere Möglichkeit, die wirtschaftliche Situation der Alemannia schlagartig und signifikant zu verbessern. Gibt es zu diesem Thema etwas Neues?

Nein. Anfragen bekommen wir zwar genügend. Doch Sie möchten gar nicht wissen, welch dubiose und manchmal auch skurrile Mittelsmänner sich mitunter bei uns melden. Meistens bleibt es bei einem Telefonat. Wenn wir bereit wären, die Alemannia mehrheitlich zu verkaufen, dann könnten wir das wahrscheinlich ganz schnell tun. Aber das wollen wir nicht. Ein Verkauf von mehr als 49,9 Prozent ist mit diesem Präsidium und diesem Aufsichtsrat unter keinen Umständen zu machen. Da herrscht bei uns absolute Einigkeit. Außerdem ist das Thema Investor ganz bestimmt nicht das Drängendste auf unserer Agenda. Eine kontinuierliche und seriöse Weiterentwicklung der Alemannia setzt auch voraus, dass man sich einen entsprechenden Partner ganz genau ausguckt.

Muss es Sie angesichts der insgesamt erfolgreich verlaufenden Konsolidierungsprozesses nicht ärgern, dass sich Fuat Kilic in schöner Regelmäßigkeit über die Medien die Rahmenbedingungen beklagt und damit Ihre Arbeit schmälert?

Wir tauschen uns sehr regelmäßig mit dem Trainer über alle relevanten Dinge aus. Und sollten uns wirklich Dinge einmal nicht so ganz gefallen, kämen auch diese mit Sicherheit zur Sprache. Aber was wir bei unseren Treffen besprechen, bleibt unter uns. Wir tragen nichts auf den Marktplatz.

Ist das Sportbudget bereits vollständig ausgeschöpft oder hat Fuat Kilic noch Spielraum, um zum Beispiel die Lücke zu schließen, die die Verletzung von David Bors gerissen hat?

Nein, das Budget ist noch nicht ausgeschöpft. Wir haben die Augen offen und auch Probespieler im Training. Aber es wird jetzt keinen Schnellschuss geben. Ein Spieler, der jetzt kommt, muss uns sofort weiterhelfen. Wir wollen nicht einfach nur die Bank auffüllen.

Dr. Martin Fröhlich (Foto: Joe Gras)

Wäre es zu platt, wenn man urteilen würde, dass Geschäftsführung und Aufsichtsrat ihren Job machen und die Abteilung Sport nicht so richtig hinterherkommt?

Das darf man so bestimmt nicht sagen. Der Trainer macht seinen Job gut. Im Laufe seiner bald vier Jahre am Tivoli hat Fuat Kilic in der Summe deutlich mehr richtig als falsch gemacht. Das nicht alles klappt, liegt in der Natur der Sache.

Die Quasi-Jobgarantie, die Martin vom Hofe dem Trainer im Reviersport-Interview gegeben hat, gilt demnach.

Wir haben nach wie vor volles Vertrauen in Fuat Kilic. Wir sehen an dieser Stelle überhaupt keinen Handlungsbedarf.

Nach wie vor fungiert Fuat Kilic als Kaderplaner, Sportdirektor und Trainer in Personalunion. Eine Konstellation, die in der Öffentlichkeit zunehmend kritisch gesehen wird. Haben Sie inzwischen daran gedacht, diese Struktur anzupassen? Zum Beispiel, indem man einen Kaderplaner oder Sportdirektor zur Seite stellt?

Wir beschäftigen uns grundsätzlich damit, wie wir die Alemannia in der Zukunft besser aufstellen können. Dazu gehört sicherlich auch die Frage nach den Strukturen in der sportlichen Leitung. Wir befinden uns in einem Diskussionsprozess.

Kann man das damit übersetzen, dass Sie sich konkret damit beschäftigen, zeitnah die zusätzliche Position eines Sportdirektors oder Kaderplaners zu schaffen?

Nein. Es geht um die mittel- bis langfristige Strategie. Wir wissen ja alle, dass Verträge irgendwann auslaufen. Da muss man sich rechtzeitig überlegen, welche Strukturen für die Zukunft der Alemannia die besten sind. Und wer die handelnden Personen sein können.

„Aktuell gibt es keinen Grund für Vertragsgespräche mit dem Trainer.“

Sie haben es angedeutet. Fuat Kilics Vertrag läuft zum Ende der Saison aus. Wann beginnen Sie mit den Planungen für diese Schlüsselposition? Gab es bereits entsprechende Gespräche mit Fuat Kilic?

Aktuell gibt es keinen Grund, solche Gespräche zu führen. Selbstverständlich wollen wir rechtzeitig Klarheit darüber haben, mit welcher personellen Aufstellung wir in die kommende Saison gehen werden. Rechnen Sie deshalb damit, dass wir während der Winterpause die entsprechenden Weichen stellen werden.

Nun hat Fuat Kilic selber gesagt, dass er in der Regionalliga in keinem Fall mehr als Trainer zur Verfügung stehen würde. Zum Zeitpunkt der Winterpause werden 20 Spiele absolviert sein. Dann wird man absehen können, wohin die Reise geht. Und die Trainerfrage wäre von selbst beantwortet.

Ob Herr Kilic an seiner Aussage noch festhält, müssten Sie ihn vielleicht mal selber fragen. Was bis zur Winterpause passiert, ist Spekulation. Und spekulieren möchte ich nicht. Lassen Sie uns erstmal die Spiele bis zum Dezember spielen und in Ruhe weiterarbeiten.

Nach der Hälfte Ihrer Amtszeit. Wie sieht Ihr Resümee nach zwei Jahren als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender aus?

„Wir sind auf einem guten Weg, wieder als seriöser Gesprächspartner wahrgenommen zu werden.“

Ich habe immer noch sehr großen Respekt und Demut vor der Aufgabe. Nicht zuletzt, weil man täglich merkt, mit wie viel Leidenschaft die Alemannia immer noch gelebt wird. Dieser Leidenschaft kann man nur sehr schwer gerecht werden. Die Belastung ist am Rande dessen, was man als Ehrenamtler neben Familie und Job erledigen kann. Andererseits ist es befriedigend, wenn man sieht, was man in einem funktionierenden Team erreichen kann. Als wir übernommen hatten, war nicht klar, ob es überhaupt weitergehen würde. Der vielfach vorhergesagte Tod der Alemannia ist nicht eingetreten. Heute erwirtschaften wir mit unserer Spielbetriebsgesellschaft einen Gewinn. Im Rahmen unserer Möglichkeiten schlagen wir uns sportlich achtbar. Der eingetragene Verein steht auf soliden Fundamenten. Wir sind auf einem guten Weg, in Aachen und der Region wieder als seriöser Gesprächspartner wahrgenommen zu werden. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das nicht stolz macht.

Herr Fröhlich, wir danken Ihnen für das Gespräch.