In the hood

Im Grunde ist es doch der Traum eines jeden Fußballfans. Kaum einer hat noch nie über die Vorzüge nachgedacht, die ein Leben Wand an Wand mit dem eigenen Lieblingsverein mit sich brächte. Doch was, wenn sich der Traum erfüllt? Wie sieht das reale Leben in der Nachbarschaft eines Fußballbvereins aus? Ein Frontbericht.
Foto: Carl Brunn

13 Min. Lesezeit

Eri­ka Lütz­ler ist 84. Die Hälf­te ihrer Lebens­zeit wohnt sie nun schon on der Mero­win­ger­stra­ße. „Wir waren sei­ner­zeit das drit­te Haus hier. Die Stra­ße war ein bes­se­rer Feld­weg. Und der Tivo­li hat­te noch ein ganz ande­res Gesicht.“

Wir sit­zen in ihrer Küche. Aus dem Fens­ter fällt der Blick auf die Flut­licht­mas­ten. Die rüs­ti­ge Senio­rin holt wei­ter aus: „Abge­se­hen von mei­ner Toch­ter inter­es­siert sich sonst nie­mand in unse­rer Fami­lie für Fuß­ball oder die Alemannia. Das Sta­di­on war also nicht der Grund, hier­her zu zie­hen.“ Es hat die Fami­lie aber auch nicht davon abgehalten.

Ande­rer­seits hat die unmit­tel­ba­re Nähe doch ihre Kon­se­quen­zen gehabt. Ihre Toch­ter ist im Lauf der Jah­re zum Fan gewor­den. „Ich kann mich noch an eine Zeit erin­nern, da war das Trai­nings­ge­län­de am Hin­ter­ein­gang frei zugäng­lich.“ So konn­te es auch schon ein­mal vor­kom­men, dass die Toch­ter dort den Schul­sport absol­vier­te, wäh­rend die Spie­ler zwi­schen den Schü­lern trai­nier­ten. „Viel­leicht liegt es ja dar­an. Heu­te ver­geht wirk­lich kaum ein Spiel, bei dem sie nicht auf der Tri­bü­ne sitzt“, lacht Eri­ka Lütz­ler1.

Unge­brems­te Schlachtgesänge

Die Simons hat­ten sol­che Anrei­ze nicht nötig. Die bei­den sind seit jeher Ale­man­niaf­ans. Da ist der Wohn­ort nur das Salz in der Sup­pe. Aus dem Ess­zim­mer her­aus blickt man auf die Gegen­ge­ra­de. „Am bes­ten sieht man im Herbst, wenn die Bäu­me kei­ne Blät­ter tra­gen“, berich­tet Yvonne Simons. Seit der Geburt ihrer Toch­ter vor etwas mehr als sechs Mona­ten geht sie sel­ber nicht mehr ins Sta­di­on. Seit­dem ist ihr Mann auf der Tri­bü­ne, wäh­rend sie sich das Spiel­ge­sche­hen anhört.

Die Schlacht­ge­sän­ge flie­gen unge­bremst in ihre Woh­nung. „Bei Aache­ner Toren kann man manch­mal sein eige­nes Wort nicht mehr ver­ste­hen. Ich weiß fast immer das Spiel­ergeb­nis, bevor mein Mann vom Tivo­li kommt.“ Auch Eri­ka Lütz­ler bekommt den Spiel­ver­lauf frei Haus gelie­fert. „Wenn ich es drauf anle­gen wür­de, könn­te ich am Geräusch­pe­gel das Ergeb­nis erken­nen.“ Sie legt es aber nicht drauf an. Gleich­zei­tig stört sie die Kulis­se aber auch nicht.

„Das Flut­licht glüht so lang­sam aus, dass man nachts auf dem Weg zum Klo kein Licht anma­chen muss.“

Alemannia-Nach­ba­rin Yvonne Simons

Die Abend­spie­le sind bei den Damen des Hau­ses Simons ganz beson­ders beliebt. Für Yvonne Simons wegen der inten­si­ve­ren Atmo­sphä­re. Für die klei­ne Saskia wegen des Genus­ses, län­ger wach blei­ben zu dür­fen. „Bei Flut­licht­kicks ist es so hell im Kin­der­zim­mer, dass an Schla­fen nicht zu den­ken ist.“ Von der Hel­lig­keit hat die Fami­lie auch lan­ge nach dem Schluss­pfiff noch etwas. „Das Flut­licht glüht lang­sam aus. Sogar so lang­sam, dass man nachts auf dem Weg zum Klo kein Licht anma­chen muss“, ver­si­chert die jun­ge Mutter.

Anzü­ge, Jeans­wes­ten und Trikots

Der Tivo­li ein hei­ßes Pflas­ter? Da braucht Eri­ka Lütz­ler heu­te kei­ner mehr mit zu kom­men. „Also, das Publi­kum war in den 60er Jah­ren min­des­tens genau­so fana­tisch und laut wie heu­te. Am Spiel­tag war hier auch damals der Teu­fel los. Da muss sich heu­te kei­ner etwas ein­bil­den.“ Seit jenen Tagen sind etli­che Fan­ge­nera­tio­nen an ihrem Fens­ter vor­bei­ge­zo­gen. Über­haupt beob­ach­tet sie die vie­len ankom­men­den Zuschau­er gerne.

Foto: Carl Brunn

„Frü­her kamen die Leu­te im Sonn­tags­an­zug mit klei­nen schwarz-gel­ben Fähn­chen in der Hand. In dem Auf­zug sind sie dann über die Zäu­ne der Bau­ern­hö­fe geklet­tert, um den Weg abzu­kür­zen“, erzählt Frau Lütz­ler und zeigt in die ent­spre­chen­de Rich­tung. Nach den Sonn­tags­an­zü­gen kamen die „benäh­ten Jeans­wes­ten“, spä­ter dann, in den 80ern, so peu à peu die Tri­kot­trä­ger. Doch nicht nur das Out­fit der Fans hat sich geän­dert. Bekla­gens­wert ist die zu beob­ach­ten­de moder­ne Ein­stel­lung zur Umwelt: „Ich fin­de es trau­rig, dass heut­zu­ta­ge so viel Müll ein­fach auf die Stra­ße gewor­fen wird. Oder in unse­re Vor­gär­ten. Dabei hän­gen hier mehr Müll­ei­mer als früher.“

Par­ken am Spiel­tag: Mis­si­on Impossible

Das Leben in der Mero­win­ger­stra­ße bringt gera­de am Spiel­tag die eine oder ande­re Unan­nehm­lich­keit mit sich. Da ist vor allem die Ver­kehrs­si­tua­ti­on. Die Sper­rung der all­tags eher ruhi­gen Wohn­stra­ße kennt kei­ne Aus­nah­me. Meist wer­den die Hal­te­ver­bots­schil­der schon mitt­wochs auf­ge­stellt. „Wahr­schein­lich, damit auch die Anwoh­ner recht­zei­tig Bescheid wis­sen, die den Spiel­plan nicht im Kopf haben“, ver­mu­tet Frank Simons. Am „Tag X“ selbst ist dann Hop­fen und Malz ver­lo­ren. Das Par­ken wird dann auch für Bewoh­ner zur Mis­si­on Impos­si­ble. „Theo­re­tisch ist es mög­lich, den Wagen am Bord­stein direkt vor der Haus­tür abzu­stel­len. Aber wie schnell hat man da eine Kat­sche im Lack? Das ist zu ris­kant.“ Und auf der Suche nach Alter­na­ti­ven erlebt man so man­che Überraschung.

Der Fami­li­en­va­ter schimpft: „Hier um die Ecke ist ein klei­ner Park­platz. Da steht seit neu­es­tem so ein Kerl und will eis­kalt drei Euro fürs Par­ken haben. Aber ohne mich!“ Die Ver­kehrs­ka­det­ten sind da offen­bar kei­ne gro­ße Hil­fe. Im Gegen­teil. „Hier woh­nen vie­le alte Leu­te. Die sind teil­wei­se geh­be­hin­dert. Denen bringt der Tipp, bes­ser weit weg zu par­ken und den Rest zu Fuß zu gehen, nicht wirk­lich was.“ Über so viel Igno­ranz schüt­telt nicht nur Eri­ka Lütz­ler ver­ständ­nis­los den Kopf.

Zumal, wenn sich die Poli­zei das eine oder ande­re Mal von einer eher wenig fle­xi­blen Sei­te zeigt. „Ich woll­te mit dem Kin­der­wa­gen in die Mero­win­ger­stra­ße und wur­de von einem Beam­ten gestoppt. Der woll­te mir tat­säch­lich nicht glau­ben, dass ich hier woh­ne. Und das nur, weil ich einen Ale­man­nia­schal trug“, erei­fert sich Frank Simons. Erst nach einer umständ­li­chen Aus­weis­kon­trol­le durf­te er pas­sie­ren. „So ein Quatsch! Als wäre ich mit mei­ner klei­nen Toch­ter auf dem Weg zu einer Klopperei.“

Reiz­the­ma Umbaupläne

Da ging es zu Regio­nal­li­ga­zei­ten doch deut­lich gemüt­li­cher zu. Vom „Frü­her war alles bes­ser“ will Eri­ka Lütz­ler aller­dings nichts wis­sen. Ihrer Mei­nung nach hat sich die Orga­ni­sa­ti­on ins­ge­samt deut­lich ver­bes­sert. So zum Bei­spiel der Abtrans­port der Aus­wärts­fans. Gut kann sie sich noch an tur­bu­len­te Jagd­sze­nen in den 80er und frü­hen 90er Jah­ren erin­nern. „Die gan­ze Fan­meu­te lief die Mero­win­ger­stra­ße run­ter. Poli­zis­ten auf Pfer­den hin­ter­her. In man­chem Vor­gar­ten gab es Schlä­ge­rei­en.“ Doch das gehö­re jetzt der Ver­gan­gen­heit an. Seit Jah­ren habe es hier kei­ne Aus­schrei­tun­gen mehr gegeben.

Foto: Carl Brunn

Auch Fami­lie Simons kann von unan­ge­neh­men Vor­komm­nis­sen mit Gäs­te­fans kaum etwas berich­ten. Ganz im Gegen­teil: Immer wie­der kommt es zu net­ten Gesprä­chen am Fens­ter. Nur ein­mal haben die jun­gen Eltern erlebt, wie die Stim­mung umkipp­te. „Das war gegen Bochum im Früh­jahr 2002. Da war plötz­lich Hek­tik bei der Poli­zei. Die haben rum­ge­schrien und sind wild durch­ein­an­der gerannt“, hat Yvonne Simons die Sze­ne­rie noch vor Augen. „Nor­ma­ler­wei­se sit­zen die in ihren Trans­por­ten und spie­len Karten.“

Nicht ganz so mil­de stimmt das The­ma Tivo­li-Umbau. Zu gut ist noch die böse Erin­ne­rung an so man­che Plan­spie­le aus der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit. „Ich ken­ne nie­man­den hier, der mit dem Umbau glück­lich gewe­sen wäre“, sagt Eri­ka Lütz­ler. Grün­de kann sie eini­ge nen­nen. Von zusätz­li­cher Lärm­be­läs­ti­gung durch eine Kom­plett­über­da­chung ist da die Rede. Der Gedan­ke an mehr Schat­ten im Gar­ten erscheint ihr eben­falls als wenig ver­lo­ckend. Den mas­si­ven Pro­test vie­ler Anwoh­ner kann sie sehr gut nachvollziehen.

Zwar will sie das sich hart­nä­ckig hal­ten­de Gerücht, ein ehe­ma­li­ger Alemannia-Prä­si­dent habe in der Stra­ße wegen des Wider­stands diver­se Sta­di­on­ver­bo­te aus­ge­spro­chen, nicht bestä­ti­gen. Doch sehr wohl erin­nert sie sich an eine Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung, bei der die Anwoh­ner früh­zei­tig über die Umbau­plä­ne in Kennt­nis gesetzt wer­den soll­ten. „Das Gan­ze war eigent­lich ein Witz. Zu Wort gekom­men sind wir da nicht. Aber hin­ter­her konn­ten die Her­ren wenigs­tens behaup­ten, sie hät­ten uns Bescheid gesagt.“

„ … abseits vom Lärm, mit­ten im Trubel … “

Weg­zie­hen aus der Mero­win­ger­stra­ße? Für die Nach­barn der guten alten Tan­te Alemannia ist das kein The­ma. Am Ende über­wie­gen eben doch die Vor­zü­ge. „Das Gute ist bes­ser als erwar­tet, das Schlech­te nicht so schlimm wie befürch­tet“, resü­miert Frank Simons. Für sei­ne Frau und ihn gibt es kei­ne bes­se­re Gegend. „Man lebt hier etwas abseits vom Lärm der Stadt. Dafür ist man am Wochen­en­de mit­ten im Tru­bel. Eine schö­ne Mischung.“ Und für den einen oder ande­ren Nörg­ler in der Umge­bung haben die bei­den einen guten Rat: „Alle vier­zehn Tage ein paar Stünd­chen Unru­he? Da kann man doch pri­ma Ver­wand­ten­be­su­che machen. Danach ist alles wie­der beim Alten.“ Für die Simons selbst ist das aller­dings kei­ne Alternative.

„In einer guten Nach­bar­schaft muss man auch mal ein Auge zudrü­cken können.“

Eri­ka Lütz­ler, Urge­stein der Merowingerstraße

Auch Eri­ka Lütz­ler denkt so. „Wir wuss­ten damals ganz genau, wo wir gebaut haben. Jeder, der hier hin­zieht, hat sich die Nach­bar­schaft doch selbst aus­ge­sucht. Und in einer guten Nach­bar­schaft muss man halt auch mal ein Auge zudrü­cken kön­nen. Da muss ich gön­nen kön­nen, wenn die hier mal etwas laut fei­ern.“ Für die alte Dame, die mit Fuß­ball eigent­lich nicht viel am Hut hat, war es ein beson­de­res Erleb­nis, „anzu­se­hen, wie die jubeln­den Mas­sen nach dem Auf­stieg 1999 hier die Stra­ße run­ter­ge­zo­gen sind“. Nein, nie­mals wür­de sie ihrer Mero­win­ger­stra­ße den Rücken keh­ren. Schon gar nicht wegen ihres pro­mi­nen­ten Nachbarn.

Da bleibt eigent­lich nur noch eine Fra­ge offen: „Wo genau liegt denn der Hin­ter­ein­gang?“ Für Eri­ka Lütz­ler kommt das über­ra­schend. „Hin­ter­ein­gang? Das sind doch die Kas­sen­häus­chen am Wür­se­le­ner Wall. Den nen­nen hier in der Stra­ße alle so.“ Eigent­lich ganz logisch. Es ist halt alles eine Fra­ge der Perspektive.

1Eri­ka Lütz­ler heißt eigent­lich gar nicht Eri­ka Lütz­ler. Wir haben nur ihrem Wunsch ent­spro­chen, im Arti­kel nicht nament­lich genannt zu wer­den. (zurück)

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