Land­par­tie

Stephan Lämmermann hat sich verändert. Um zwei Klassen. Die Eindrücke sind neue und altbekannte zugleich. Ist das nun ein ländliches Idyll für Stadtflüchtige oder der wahr gewordene Alptraum aller Aufgeklärten? Der Versuch einer Antwort.
Foto: Carl Brunn

10 Min. Lesezeit

Unmit­tel­bar nach dem Ver­las­sen der Auto­bahn ist klar: Hier geht es um Dorf­fuß­ball. Fel­der rechts und links, durch­schnit­ten nur von stau­bi­gen Wirt­schafts­we­gen. Fla­che Häu­ser, jedes fünf­te ein Hof mit Scheu­nen und Stäl­len. Vie­le akku­ra­te Vor­gär­ten, noch mehr frem­de Bli­cke abweh­ren­de Hecken. Die­ser Ort ist selbst für Fünf­jäh­ri­ge überschaubar.

Was aus­ge­rech­net hier jemand, der noch vor nicht all­zu vie­len Wochen auf der mehr oder min­der gro­ßen Zweit­li­ga­büh­ne zu Hau­se war und des­sen Anhang von hin­ge­bungs­vol­len Zehn­tau­send nun auf viel­leicht zwei Hand voll Senio­ren geschrumpft ist? Oder sind das alles viel­leicht nur Vor­ur­tei­le? Wir wol­len es wis­sen und wagen uns in die Ruhe Freialdenhovens.

Ste­phan Läm­mer­mann erwar­tet uns am ört­li­chen Sport­platz oder – wie es stolz heißt – am „Sta­di­on an der Edere­ner Stra­ße“. Er kommt in Zivil, das Polo­shirt läs­sig über den Jeans. Läm­mer­mann wirkt nah­bar und locker wie immer. Ale­man­ni­as ewi­ge Num­mer 16 bit­tet uns auf die Wie­se. Hier wird sich hin­ge­hockt. Stil­echt eben.

Und der ers­te Ein­druck täuscht nicht. Da ist nicht die Spur von Arro­ganz sei­nem neu­en Umfeld gegen­über spür­bar. Im Gegen­teil: Der Ex-Pro­fi scheint sich der Gefahr sei­nes Ober­li­ga-Enga­ge­ments durch­aus bewusst zu sein. Er zeigt Respekt, als er gleich zu Beginn die Fron­ten klärt: „Das Wich­tigs­te für mich ist, den Leu­ten hier schnell klar­ma­chen zu kön­nen, dass ich nicht zum Abzo­cken her­ge­kom­men bin. Ich will hier Fuß­ball spie­len. Und ich will Spaß und Erfolg dabei haben.“

Sai­son­ziel: Drin­blei­ben und guter Fußball

Wie wird das vom Umfeld gese­hen? Peter Pinell ist Wirt der Dorf­knei­pe und wird uns spä­ter blu­mig erklä­ren, dass man mit Ale­man­nen immer gut gefah­ren sei. Schließ­lich haben schon illus­tre Tivo­li-Hel­den wie Jo Mon­ta­nes, Jupp Zschau, Vol­ker Ham­mers oder Peter Stops für die Land­bo­rus­sia gegen den Ball getre­ten. Mike Zim­mer­mann und Edin Had­zic gehö­ren noch zum aktu­el­len Kader. Sowohl last, als auch least zwin­kert einem Ex-Trai­ner Win­nie Han­nes von der Ahnen­ga­le­rie zu. Und „Läm­mi“ sei in dem Kon­text jetzt die Krö­nung. Wun­der­bar, ein­ma­lig. Der Her­bergs­va­ter ist überzeugt.

„Lari­fa­ri funk­tio­niert hier nicht. Auch hier ist Leis­tung gefragt.“

Läm­mi nimmt die vier­te Liga ernst

Doch es gibt auch skep­ti­sche­re Töne. Da ist dann von Ex-Stars die Rede, die auf ihre alten Tage eini­ge Klas­sen tie­fer eine ruhi­ge Kugel schie­ben. Die stän­dig ver­letzt sind oder unmo­ti­viert über den Platz stol­pern, wäh­rend sie noch ein­mal den Geld­baut­el fül­len. Ste­phan Läm­mer­mann kann die Beden­ken ver­ste­hen. Doch er hält unver­mit­telt dage­gen: „Lari­fa­ri funk­tio­niert hier nicht. Auch hier ist Leis­tung gefragt. Schließ­lich hat der Ver­ein Ehr­geiz. Und das ist in der gan­zen Mann­schaft zu spü­ren. Da zie­hen alle an einem Strang. Ver­ste­cken kann auch ich mich nicht.“

Die Borus­sia ist in der ver­gan­ge­nen Sai­son nur knapp am Abstieg in die fünf­te Klas­se vor­bei­ge­schrammt. Eine ähn­li­che Zit­ter­par­tie soll in die­ser Spiel­zeit unbe­dingt ver­mie­den wer­den. Ein Zucker­schle­cken wird das sicher nicht. Doch hat man mit Ste­phan Läm­mer­mann nicht einen Garan­ten für das Gelin­gen geholt? Der ist trotz aller Ernst­haf­tig­keit weit davon ent­fernt, sich unter Druck set­zen zu las­sen: „Zuerst mal ist Drin­blei­ben das erklär­te Ziel. Und dabei wol­len die Leu­te ein­fach guten Fuß­ball sehen. Und dann wol­len sie auf jeden Fall fei­ern. Die sind hier regel­recht fuß­ball­ver­rückt. Das sind super Vor­aus­set­zun­gen, um tol­le Spie­le abzuliefern.“

„Egal, ob es um das Spiel­feld, die Tri­bü­ne oder die Kabi­nen geht: Jeder packt mit an. Und zwar aus Spaß und Überzeugung.“

Ste­phan Läm­mer­mann ist begeis­tert von der Begeis­te­rung der Dorfbewohner

Hat der gute Ste­phan gera­de „fuß­ball­ver­rückt“ gesagt? Aus­ge­rech­net im kleins­ten Ober­li­ga-Spiel­ort Deutsch­lands? Mit der selbst­zu­frie­de­nen Gewiss­heit, zu den bes­ten Fans der Welt zu gehö­ren, schal­tet unser Gesuchts­aus­druck auf Mit­leid. Doch Läm­mer­mann mäht unse­re Über­heb­lich­keit von der Wie­se. „Nee, lasst mal! Guckt Euch hier ein­fach nur mal um. Egal, ob es um das Spiel­feld, die Tri­bü­ne oder die Kabi­nen geht: Jeder packt mit an. Und zwar aus Spaß und Überzeugung.“

Wir fol­gen sei­ner Auf­for­de­rung. Und tat­säch­lich: Wie bestellt schrau­ben ein paar Her­ren noch etwas an den Wer­be­ban­den her­um. Unter­des­sen sprengt die Jugend­feu­er­wehr den Rasen­platz und im Inne­ren des Ver­eins­hei­mes herrscht eben­falls reges Treiben.

Back to the roots

Dass Ale­man­ni­as Auf­stiegs­held von 99 in kei­ner The­ken­li­ga gelan­det ist, wird mit einem Blick auf die übri­gen Ober­li­gis­ten deut­lich. Da fin­den sich so klang­vol­le Adres­sen wie For­tu­na Düs­sel­dorf, For­tu­na Köln, Schwarz-Weiß Essen, sowie die B‑Teams von Borus­sia Mön­chen­glad­bach und Bay­er Lever­ku­sen. Und nicht zu ver­ges­sen: Ale­man­ni­as Ama­teu­re sind aus der Per­spek­ti­ve Frei­al­den­ho­vens unterklassig.

Dem­entspre­chend stolz ist der Ver­ein, ja, das gan­ze Dorf. Das Ver­lan­gen, etwas Gro­ßes zu leis­ten, ist über­all spür­bar. So wird der­zeit viel trai­niert bei der Borus­sia. Gelau­fen wird im Feld, gespielt auf dem Sport­platz des Nach­bar­or­tes Mer­zen­hau­sen. Bis zum Sai­son­start am 24. August gegen Ger­ma­nia Ratin­gen wird noch viel Schweiß fließen.

Die Rah­men­be­din­gun­gen für die Spie­ler könn­ten bes­ser nicht sein, wie uns Läm­mer­mann glaub­haft ver­si­chert. Eine schmu­cke Anla­ge, ein her­vor­ra­gen­des Geläuf und eine kon­se­quen­te Ver­eins­füh­rung. Dass er jetzt sei­ne Schu­he wie­der sel­ber put­zen muss, quit­tiert der Vor­zei­ge­sport­ler mit einem Grin­sen. „Ist schon wit­zig, nach­dem man jah­re­lang den Hin­tern nach­ge­tra­gen bekom­men hat. Doch ich keh­re damit sozu­sa­gen in die Kin­der­stu­be mei­ner Lauf­bahn zurück. Beim SC Brück wur­de das auch so gehalten.“

„Das Trai­ning fängt bei uns Ama­teu­ren zu einer Zeit an, zu der ich frü­her schon längst zu Hau­se war.“

In der Ober­li­ga fängt der spä­te Vogel die Würmer

Zu schaf­fen macht ihm aller­dings die rabia­te Umstel­lung sei­nes Tages­rhyt­mus: „Das Trai­ning fängt bei uns Ama­teu­ren zu einer Zeit an, zu der ich frü­her schon längst zu Hau­se war. Momen­tan kom­me ich um 22 Uhr nach Hau­se und bin dann ganz schön erledigt.“

In die­sem Moment kommt ein Auto über den hef­tig stau­ben­den Schot­ter­weg auf uns zu. Am Steu­er sitzt Mike Zim­mer­mann. Für uns bedeu­tet das Erschei­nen des ande­ren Ex-Ale­man­nen das Ende unse­res Gesprächs. „Trai­ning! Und damit neh­men sie es hier ganz genau“, ver­ab­schie­det sich Ste­phan Läm­mer­mann. Wäh­rend er sich mit sei­nem neu­en alten Mit­spie­ler in Rich­tung Umklei­de­ka­bi­ne ver­schwin­det, gehen wir in den Ort. Der Besuch in der Dorf­knei­pe mit ange­schlos­se­nem Bier­gar­ten ist ein Muss. Hier befin­det sich die Nach­rich­ten­bör­se des Vereins.

Blick zum Tivoli

Es erwar­tet uns Wirt, Spon­sor, Fan, Cate­rer und nicht zuletzt Trai­ningskie­bitz Peter Pinell. Und der stellt direkt ein­mal klar: „Läm­mer­mann ist in mei­nen Augen der bes­te Trans­fer seit Mon­ta­nes.“ Für den Zere­mo­ni­en­meis­ter des Clubs passt der Ex-Pro­fi wie Pott auf Deckel in die Trup­pe. „Der ist im Trai­ning total enga­giert und hat über­haupt kei­ne Star­al­lü­ren. Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich. Schließ­lich war der letz­te Sai­son noch im Fernsehen.“

Je län­ger wir dem guten Peter zuhö­ren, des­to deut­li­cher wird es uns: „Läm­mi“ hat es gut getrof­fen. Auch wir sind von dem Idyll ange­tan. So wie Ste­phan Läm­mer­mann, als er uns auf der Wie­se auf­klär­te: „Ich habe im Fuß­ball eine Men­ge Erfah­run­gen gemacht, sowohl gute als auch schlech­te. Und jetzt bin ich wie­der da, wo alles etwas fami­liä­rer zugeht.“

Bei aller Zufrie­den­heit ist da aber noch etwas ande­res spür­bar. Denn bevor er sich auf den Weg in die Kabi­ne mach­te, wand­te Läm­mer­mann sei­nen Blick ab: „Der Tivo­li ist ja nicht weit ent­fernt. Und schließ­lich bin ich immer noch Mit­glied der Alemannia.“

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Über den Pratsch

Als wir die ersten Buchstaben tippten, um unsere fixe Idee eines Alemannia-Magazins in die Tat umzusetzen, spielte Henri Heeren noch in Schwarz-Gelb. Jupp Ivanovic machte drei Buden am Millerntor und trotzdem träumte niemand von Bundesliga oder Europapokal. Das ist lange her. In der Zwischenzeit waren wir mit dem TSV ganz oben. Wir sind mit ihm ziemlich unten. Aufgehört haben wir unterwegs irgendwie nie. Neue Ausgaben kamen mal in größeren, mal in kleineren Abständen. Und jetzt schreiben wir halt auch noch das Internet voll.

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