Zaun­kö­ni­ge

Mit ihren Aktionen sorgen sie für Aufsehen. Sie wagen abenteuerliche Tierkreuzungen, setzen das Alemannia-Schiff unter Segel, vergleichen den Gegner mit einem landwirtschaftlichen Nutzfahrzeug, zeigen Herzen für Stadt und Verein. Viel Beifall ernten sie dafür. Nicht zuletzt von den vermeintlich so distanzierten Besuchern der Haupttribüne. Die Aktiven Alemannia-Fans halten Aachens Fankultur der Zukunft in ihren Händen.
Foto: Carl Brunn

10 Min. Lesezeit

Alemannia, der Kult­ver­ein. Der Tivo­li als hei­ßes Pflas­ter. Die Angst der Gast­mann­schaf­ten vor der schwarz-gel­ben Geräusch­ku­lis­se. Legen­den ran­ken sich vie­le rund um die Soers. Doch im Som­mer 1997 war von all die­sen sagen­haf­ten Din­gen nicht wirk­lich etwas zu spüren.

Auf den Tri­bü­nen des eben­so wind­schie­fen wie ehr­wür­di­gen Sta­di­ons fan­den sich im Schnitt rund zwei- bis drei­tau­send Besu­cher ein. Die waren für Salm­roh­rer oder Erken­schwi­cker Ver­hält­nis­se zwar immer noch laut. Doch Furcht ein­flö­ßend waren sie nicht mehr als die Mann­schaft auf dem Rasen.

Zumin­dest für eine noch klei­ne Grup­pe von Ale­man­niaf­ans muss­te sich drin­gend etwas ändern. Sie waren begeis­tert von den spek­ta­ku­lä­ren Aktio­nen ita­lie­ni­scher Ultras mit über­di­men­sio­na­len Trans­pa­ren­ten und impo­nie­ren­den Ben­ga­lo­shows. So etwas muss­te im klei­nen Stil doch auch in Aachen zu schaf­fen sein. Mit Gedan­ken­spie­le­rei­en hielt sich die Grup­pe nicht lan­ge auf. „Infer­no Bad Aachen“, kurz IBA, wur­de gegründet.

Schon sehr schnell waren auf dem hei­mi­schen Tivo­li und auch aus­wärts die ers­ten Spruch­bän­der und Rauch­fah­nen zu sehen. Alles war noch etwas pro­vin­zi­ell, wie es sich für einen Regio­nal­ligs­ten gehör­te. Doch die­se ers­ten IBA-Jah­re erwie­sen sich als bes­ter Auf­ga­lopp für grö­ße­re Bühnen.

Ers­ter Paukenschlag

Die­se boten sich den selbst ernann­ten Aache­ner Ultras zwei Jah­re nach der IBA-Grün­dung. Beim ewig jun­gen Der­by gegen den 1. FC Köln im Jahr Eins nach dem Wie­der­auf­stieg setz­ten sie ihren ers­ten Pau­ken­schlag. Das Intro „Ehre, Stolz und Tra­di­ti­on“ war etwas voll­kom­men Neu­es für Aachen und wur­de dem­entspre­chend bestaunt und beklatscht.

Wei­te­re Aktio­nen folg­ten, oft über­schwäng­lich gelobt, manch­mal hef­tig kri­ti­siert. Dies beson­ders dann, wenn der Rauch wie­der ein­mal zu dick und die Leucht­kör­per zu heiß waren. Sol­che Akti­vi­tä­ten und ein ger­ne zur Schau getra­ge­nes nass­for­sches Auf­tre­ten brach­te den bedin­gungs­los treu­en Alemannia-Anhän­gern bei vie­len Zuschau­ern den Ruf von Fuß­ball­row­dys ein. Zu Unrecht zwar, doch die Unkennt­nis über den tat­säch­li­chen Unter­schied zwi­schen Hoo­li­gans und Ultras ist bis heu­te weit verbreitet.

Schei­tern und lernen

Aller­dings waren es nicht der­lei Miss­ver­ständ­nis­se, die im Jahr 2001 zur Auf­lö­sung des Infer­no Bad Aachen führ­ten. Das Pro­blem war viel­mehr haus­ge­macht. Eini­ge Ultras sahen sich als Eli­te der Fan­sze­ne. Sie zele­brier­ten ihre Cool­ness und grenz­ten sich bewusst ab. Schließ­lich war man sich schon bei der IBA-Grün­dung dar­über einig gewe­sen, die Grup­pe klein hal­ten zu wol­len. Neue Mit­glie­der soll­ten, wenn über­haupt, nur sehr ein­ge­schränkt auf­ge­nom­men wer­den. Die ers­te Aache­ner Ultra-Grup­pie­rung war Opfer ihrer nai­ven Selbst­über­schät­zung geworden.

Doch Tho­mas Quad­flieg, Alex­an­der Küs­ters und Chris­toph Esser haben aus ihren Erfah­run­gen gelernt. Die drei sind die Moto­ren der Akti­ven Alemannia-Fans (AAF). Die haben sich vor zwei Jah­ren aus dem IBA-Nach­lass gegrün­det, fern­ab von jeder dün­kel­haf­ten Ultraro­man­tik. Die Akti­ven, wie sie im Umfeld genannt wer­den, ste­hen jedem offen. Der Mit­glie­der­bei­trag ist mit nur einem Euro pro Monat eher symbolisch.

Die Orga­ni­sa­ti­on ist straff und effi­zi­ent. Nicht mehr die Grup­pe, son­dern der Ver­ein steht jetzt im Mit­tel­punkt des Han­delns. Und das besteht in der Haupt­sa­che aus einem kon­se­quen­ten Sup­port der Tivo­li-Kicker durch auf­fal­len­de Cho­reo­gra­fien. Der Erfolg gibt den Initia­to­ren Recht. Die Akti­ven Alemannia-Fans sind inzwi­schen auf stol­ze 110 Mit­strei­ter ange­wach­sen. Damit sind sie eine der größ­ten Fan­grup­pie­run­gen ihrer Art in Deutschland.

Zwi­schen Krea­ti­vi­tät und Organisation

Show some mer­chy
Foto: Carl Brunn

Die gro­ße Zahl der Mit­glie­der kommt den AAF bei der Umset­zung der größ­ten­teils sehr auf­wän­di­gen Aktio­nen zugu­te. Denn hier sind sowohl Krea­ti­vi­tät, als auch hand­werk­li­ches Geschick gefragt. Die Pla­nung beginnt bereits vie­le Tage vor dem Spiel­tag mit der Ideen­samm­lung, an der sich jedes Mit­glied betei­li­gen kann. Die Umset­zung nimmt dann zumeist meh­re­re Tage in Anspruch. Am Spiel­tag ist es dann vor­bei mit aller Spon­ta­ni­tät. Der Ein­satz wird minu­ti­ös geplant, die ent­spre­chen­den Auf­ga­ben wer­den ein­deu­tig verteilt.

Das hohe Maß an Krea­ti­vi­tät, das hin­ter den Cho­reo­gra­fien steckt, hat sei­nen Preis. Da kom­men schon ein­mal 350 Euro für einen Auf­tritt zusam­men. Vor die­sem Hin­ter­grund haben sich eini­ge der Akti­ven zu wah­ren Ein­kaufs­ex­per­ten gemau­sert. So wer­den die rie­si­gen Pla­nen für Block­fah­nen und Hoch­zieh­ban­ner beim Bau­ern­ver­band bestellt. Für die Far­ben, Sei­le oder Tape­ten­rol­len durch­strei­fen die Orga­ni­sa­to­ren die Bau­märk­te der Region.

Den­noch rei­chen die nied­ri­gen Mit­glieds­bei­trä­ge nicht zur Finan­zie­rung der AAF-Akti­vi­tä­ten aus. Des­halb haben die Hard­core­fans eine klei­ne Aus­wahl an Mer­chan­di­sing-Arti­keln zusam­men­ge­stellt: Schals, Pins und Kalen­der ste­hen auf der Lis­te. Zudem gehen die Akti­ven ab und an mit der Spen­den­büch­se herum.

Ech­te Fründe

Die Ori­gi­na­li­tät der Aktio­nen sucht ihres­glei­chen. Unver­ges­sen und schon bei­na­he eine Legen­de ist der Auf­tritt beim Pokal­knül­ler gegen den 1. FC Köln in der Sai­son 2001/​02. Das Bild der lie­be­vol­len Bege­nung zwi­schen Köl­ner Geiß­bock und Glad­ba­cher Schal­t­rä­ger war eine Glanz­leis­tung. Kaum einer im Sta­di­on, der die zusam­men­ste­hen­den „ech­ten Frün­de“ nicht mit einem brei­ten Grin­sen quittierte.

Um den Burg­frie­den zu wah­ren, sah sich Mana­ger Jörg Schmadt­ke jedoch gezwun­gen, den fide­len Öcher Jon­ges eine Moral­pre­digt zu hal­ten. Obwohl sich hart­nä­ckig das Gerücht hält, dass auch der ebven­falls mit reich­lich tro­cke­nem Humor geseg­ne­te Sport­di­rek­tor ein flüch­ti­ges Grin­sen nicht unter­drü­cken konn­te. Des­sen unge­ach­tet besteht der obers­te Ver­ein­s­an­ge­stell­te seit­dem auf einer vor­he­ri­gen Frei­ga­be jeder Akti­on im Stadion.

Damit haben die Akti­ven kein Pro­blem. Zumal sie amsons­ten von den Ver­eins­of­fi­zi­el­len der Alemannia weit­rei­chen­de orga­ni­sa­to­ri­sche Unter­stüt­zung erfah­ren. Um die Pro­jek­te rea­li­sie­ren zu kön­nen, erhal­ten die Betei­lig­ten bereits eine Stun­de vor Öff­nung der Sta­di­on­to­re Zutritt zum S‑Block. Auf dem Vor­platz dür­fen sie ihren eige­nen Stand auf­bau­en. Und von der Ver­eins­füh­rung weiß man, dass sie die Akti­vi­tä­ten der AAF mit viel Wohl­wol­len und Sym­pa­thie beobachtet.

Herz zei­gen vor dem Spiel gegen Ein­tracht Frank­furt
Foto: Zei­tungs­ver­lag Aachen

Sta­di­on­spre­cher Robert Moo­nen lässt kaum ein Spiel ver­ge­hen, um sich bei den Jungs für die tat­kräf­ti­ge Unter­stüt­zung zu bedan­ken. Trotz allem blei­ben die AAF-Mit­glie­der beschei­den und ach­ten peni­bel auf ihre Unab­hän­gig­keit. Nie­mals wür­den sie um finan­zi­el­len Bei­stand durch die Alemannia bit­ten. Viel­mehr betrach­ten sie ihr Tun als Geschenk an das Team und als Wür­di­gung der Vereinsleistungen.

Charme als Gegenpol

Die­se Zurück­hal­tung und der für jeder­mann zu spü­ren­de Enthu­si­as­mus kom­men auch bei Leu­ten an, die den Fan­ak­ti­vi­tä­ten ansons­ten eher reser­viert begeg­nen. So zei­gen sich bei den gele­gent­li­chen Spen­den­samm­lun­gen die Besu­cher der Haupt­tri­bü­ne beson­ders spendabel.

Und als die­se ein­mal beim Heim­spiel gegen Mön­chen­glad­bach selbst gefor­dert waren und zur Fei­er eines vol­len Jahr­hun­derts Alemannia mit unzäh­li­gen Papier­ta­feln den Schrift­zug „TSV 100“ for­men soll­ten, mach­ten die hier und da etwas sprö­de wir­ken­den Sitz­bänk­ler die Akti­on zu einem gro­ßen Erfolg. Zum denk­wür­di­gen Aus­wärts­spiel in Mün­gers­dorf wie­der­um stell­te Ale­man­ni­as Haupt­spon­sor „AM“ Tau­sen­de schwar­zer und gel­ber Luft­bal­lons für eine Cho­reo­gra­fie zur Verfügung.

Sol­che Geschen­ke wer­den ger­ne ange­nom­men. Doch die AAF wol­len mit dem Charme des Hand­ge­strick­ten einen Gegen­pol zur zuneh­men­den Kom­mer­zia­li­sie­rung auf den Rän­gen bil­den. Sie wol­len einen spek­ta­ku­lä­ren, von Her­zen kom­men­den Sup­port leis­ten. Abseits jeg­li­cher „Go“-Tüten und Spon­so­renk­äp­pis. Aber auch ohne bie­de­res Ver­eins­mei­er­tum und hilf­lo­se Ver­su­che, Ver­eins­po­li­tik zu betrei­ben. Damit hal­ten sie die Zukunft der Öcher Fan­kul­tur in den Hän­den. Es bleibt allen zu wün­schen, dass sie etwas dar­aus machen.

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Als wir die ersten Buchstaben tippten, um unsere fixe Idee eines Alemannia-Magazins in die Tat umzusetzen, spielte Henri Heeren noch in Schwarz-Gelb. Jupp Ivanovic machte drei Buden am Millerntor und trotzdem träumte niemand von Bundesliga oder Europapokal. Das ist lange her. In der Zwischenzeit waren wir mit dem TSV ganz oben. Wir sind mit ihm ziemlich unten. Aufgehört haben wir unterwegs irgendwie nie. Neue Ausgaben kamen mal in größeren, mal in kleineren Abständen. Und jetzt schreiben wir halt auch noch das Internet voll.

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