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Herrn Leh­manns Reisen

Aachen, Köln, Lierse, Molenbeek, Cottbus, Fulham, Edinburgh, Brighton, Motherwell, Yokohama, Regensburg, Freialdenhoven. Eine Odysee im Zeitraffer.
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20 Min. Lesezeit

Er hat Auf­stie­ge gefei­ert und Abstie­ge ver­hin­dert, hat in Pokal­end­spie­len gestan­den und wur­de zeit­wei­lig als Kult­fi­gur beju­belt. Den­noch ist Dirk Leh­mann dem Gros der Fuß­ball­fans in Deutsch­land unbe­kannt geblie­ben. Wei­te Tei­le sei­ner beweg­ten Lauf­bahn ver­brach­te der Aache­ner jen­seits der Gren­zen sei­nes Heimatlandes.

Kilo­me­ter um Kilo­me­ter rollt die Auto­bahn unter sei­nem Auto hin­durch. Noch eine gute Stun­de, dann wird Dirk Leh­mann zu Hau­se sein – in Aachen, auf dem Tivo­li. Dort wird er auf der Haupt­tri­bü­ne Platz neh­men, um sich ein Zweit­li­ga­spiel anzu­schau­en: Jahn Regens­burg ist zu Gast bei der Alemannia. Sein aktu­el­ler Arbeit­ge­ber bei sei­nem Hei­mat­ver­ein. Seit Tagen hat sich der Mit­tel­stür­mer auf die­se Par­tie gefreut. Ges­tern hat er erfah­ren, dass sie ohne ihn statt­fin­den wird. Statt des ver­spro­che­nen Plat­zes in der Start­elf steht er nicht ein­mal im Kader. Im Lau­fe sei­ner Zeit beim Jahn hat Leh­mann schon eini­ge Tief­schlä­ge hin­neh­men müs­sen. Guten Trai­nings­leis­tun­gen und reich­lich Test­spiel­to­ren zum Trotz hat er im Ligaall­tag häu­fig kei­ne Berück­sich­ti­gung gefun­den. Bis­lang hat sich der zum Joker Degra­dier­te den­noch nicht hän­gen las­sen. Doch die­ses gebro­che­ne Ver­spre­chen bringt das Fass bei ihm zum Überlaufen.

Foto: Carl Brunn

Mit einer der herbs­ten Ent­täu­schun­gen sei­ner Kar­rie­re im Gepäck setzt er sich kurz ent­schlos­sen in den Wagen, um das Spiel zumin­dest vor Ort anschau­en zu kön­nen. Unter­wegs bleibt ihm viel Zeit zum Nach­den­ken. Und wäh­rend ihn jeder gefah­re­ne Kilo­me­ter der Hei­mat ein Stück näher bringt, wan­dern sei­ne Gedan­ken zurück zu den Tagen, als ihm das Leben als Fuß­ball­pro­fi bei wei­tem mehr Spaß gemacht hat.

Damals, in Eng­land und Schott­land, wo er fünf Jah­re lang beim FC Ful­ham, bei Hiber­ni­an Edin­burgh, bei Brighton Hove and Albi­on und beim FC Mother­well gespielt hat. Wo er dank sei­ner kom­pro­miss­lo­sen Art, sei­ner Kopf­ball­stär­ke und sei­nes ste­ten Ein­satz­wil­lens zum Publi­kums­lieb­ling wur­de. Wo er wie die teu­to­ni­sche Faust aufs bri­ti­sche Fuß­bal­lau­ge pass­te. Und wo die Ver­eh­rung durch die Fans wegen einer absur­den Ver­wechs­lungs­ge­schich­te zum Teil sehr selt­sa­me For­men annahm.

Lieb­ling der Massen

1998 war das. Kevin Kee­gan hat­te den Kraut gera­de über den Ärmel­ka­nal zum FC Ful­ham gelotst. Ein Anhän­ger des dama­li­gen Dritt­li­gis­ten mein­te, eine Ähn­lich­keit zwi­schen dem Neu­zu­gang und dem Por­no­dar­stel­ler Dirk Digg­ler – Haupt­fi­gur des Films „Boo­gie Nights“, die auf dem tat­säch­li­chen Por­no­star John Hol­mes basiert – aus­ge­macht zu haben. Die Gemein­sam­kei­ten sind schnell auf­ge­zählt: Ober­lip­pen­bart, blon­de Strähn­chen, reich­lich Ohr­rin­ge und der Vorname.

Trotz der nicht gera­de erdrü­cken­den Beweis­la­ge wuss­ten bald alle rund um Cra­ven Cot­ta­ge: Unser neu­er Stür­mer dreht neben­bei Erwach­se­nen­spiel­fil­me. Beim ers­ten Heim­spiel der Sai­son gegen Man­ches­ter City hing ein rie­si­ges Trans­pa­rent in der Fan­kur­ve: „Super Dirk Porn­star“. Ful­ham gewann die Par­tie mit 3:0. Gleich zwei Tore steu­er­te der ver­meint­li­che Unter­leibs­ar­tist bei. Die Fans waren aus dem Häus­chen und Leh­mann der Lieb­ling der Massen.

„Es ist nicht schön, wenn es dau­ernd heißt: ‚Hey, stimmt das mit Dei­nem Mann?’.“

Im Fan­shop war sein Tri­kot mit der Num­mer Neun der Ver­kaufs­schla­ger. Sein Aus­se­hen wur­de zur Blau­pau­se für etli­che Anhän­ger. Zig Zuschau­er stan­den mit ange­kleb­ten Schnäu­zern und getap­ten Ohr­läpp­chen auf den Rän­gen. Auf dem Höhe­punkt der Por­no­ma­nia wur­den sogar Schul­kin­der im Digg­ler-Out­fit gesich­tet. Im Pri­vat­le­ben war an Ruhe nicht mehr zu den­ken. Stän­dig sprach man ihn und sei­ne dama­li­ge Part­ne­rin auf der Stra­ße an. „Vor allem ihr hat das schwer zu schaf­fen gemacht. Es ist halt nicht schön, wenn es dau­ernd heißt: ‚Hey, stimmt das mit Dei­nem Mann?’“, zeigt der der­art bizarr Ver­ehr­te die Schat­ten­sei­ten des Hypes auf. Strähn­chen und Ober­lip­pen­bart haben schon vor eini­gen Jah­ren das Zeit­li­che geseg­net. Inzwi­schen kann er herz­haft über die­se Epi­so­de lachen.

Der Heim­sieg gegen Man­ches­ter City hat­te nicht nur einen kurio­sen Kult los­ge­tre­ten. Er war auch der Start­schuss für eine gran­dio­se Sai­son. Die Cot­ta­gers sorg­ten in bei­den Pokal­wett­be­wer­ben für Furo­re. Gleich meh­re­re Erst­li­gis­ten schal­te­te das Team aus, ehe es im Liga­po­kal beim FC Liver­pool und im FA-Cup bei Man­ches­ter United jeweils denk­bar knapp schei­ter­te. Bis­wei­len las­sen sich Mann­schaf­ten durch solch außer­or­dent­li­che Fuß­ball­fes­te vom Tages­ge­schäft ablen­ken. Ful­ham hin­ge­gen ret­te­te die Begeis­te­rung hin­über in die Liga. Am Ende der Spiel­zeit stand man unan­ge­foch­ten an der Tabel­len­spit­ze und sicher­te sich somit den Auf­stieg in die First Divi­si­on. Der Jubel war groß.

21 Tore in 51 Liga­spie­len: Dirk Leh­mann (Bild­mit­te) war der Ober­li­ga schnell ent­wach­sen.
Foto: Alemannia Aachen

75 Kilo­me­ter in die Bundesliga

Der Deut­sche im Team hat­te einen wei­te­ren Grund zu fei­ern. Sein Hei­mat­ver­ein Alemannia Aachen hat­te eben­falls die Liga nach oben gewech­selt. Nach dem Zweit­li­ga­ab­stieg 1990 waren neun Anläu­fe für die Rück­kehr in den bezahl­ten Fuß­ball nötig gewe­sen. Aus der Jugend der Kai­ser­städ­ter stam­mend, hat­te Dirk Leh­mann in den ers­ten bei­den erfolg­lo­sen Ober­li­ga­jah­ren selbst das Tri­kot mit „A“ und Adler getra­gen. Die Aus­sicht auf einen Sprung ins Pro­fi­ge­schäft führ­te zu sei­nem Abschied von der Kre­fel­der Stra­ße. 75 Auto­bahn­ki­lo­me­ter ent­fernt bot der 1. FC Köln dem auf­stre­ben­den Stür­mer die Mög­lich­keit, sich im Ober­li­ga­team der Geiß­bö­cke für die Bun­des­li­ga zu emp­feh­len. Die Alemannia leg­te ihrem Eigen­ge­wächs kei­ne Stei­ne in den Weg.

Für die Ama­teu­re vor­ge­se­hen, trai­nier­te der Neu­zu­gang früh mit der ers­ten Mann­schaft des FC. Sei­ne Aus­bil­dung zum Kom­mu­ni­ka­ti­ons­elek­tro­ni­ker woll­te er indes nicht abbre­chen. Die Fol­ge war ein voll gepack­ter Ter­min­plan: vor­mit­tags Berufs­schu­le, nach­mit­tags Trai­ning. Und wenn die Mit­spie­ler Fei­er­abend mach­ten, hing Dirk Leh­mann eine Extra­schicht dran. Der Auf­wand lohn­te sich.

Recht bald erhielt der Halb­tags­fuß­bal­ler die Gele­gen­heit, Pro­fi­luft zu schnup­pern. Nach einer Ein­wechs­lung im DFB-Pokal spiel­te er aus­ge­rech­net im Euro­pa­po­kal erst­ma­lig von Beginn an. Cel­tic Glas­gow war zu Gast im Mün­gers­dor­fer Sta­di­on und der Mit­tel­stür­mer mach­te beim 2:0 Sieg auf der unge­wohn­ten rech­ten Außen­bahn eine gute Par­tie. Mit sei­nem ers­ten Bun­des­li­ga­tor gegen Saar­brü­cken am dar­auf fol­gen­den Wochen­en­de schien der Durch­bruch geschafft.

„Die­se wahn­sin­nig lau­ten Fans […] trie­ben ihr Team nach vor­ne und san­gen den Ball qua­si ins Tor. Es war beängs­ti­gend und gleich­zei­tig faszinierend.“

Dirk Leh­mann über den Cel­tic Park in Glasgow

Doch die Kon­kur­renz war groß. Mit Spie­lern wie Ste­fan Kohn, Ralf Sturm und Frank Orde­ne­witz konn­te Trai­ner Jörg Ber­ger in der Offen­si­ve aus den Vol­len schöp­fen. Ein Platz in der Start­elf war dem Jung­pro­fi kei­nes­wegs gewiss. So erleb­te er die hit­zi­ge Atmo­sphä­re beim Rück­spiel in Glas­gow nur von der Bank aus. „Die­se wahn­sin­nig lau­ten Fans mach­ten uns sofort klar, dass trotz unse­res Hin­spiel­sie­ges noch gar nichts ent­schie­den war. Sie trie­ben ihr Team nach vor­ne und san­gen den Ball qua­si ins Tor. Es war beängs­ti­gend und gleich­zei­tig fas­zi­nie­rend.“ Köln ver­lor das Spiel mit 0:3 und schied aus. Dirk Leh­mann wur­de nicht ein­ge­wech­selt. Vom Rasen aus durf­te er das Erleb­nis Cel­tic Park erst Jah­re spä­ter genießen.

Eine star­ke Gemeinschaft

FC Ful­ham 1999: Prä­si­dent Moha­med Al-Fay­ed hat­te tief in die Tasche gegrif­fen. Mög­lichst schnell soll­te es ins gelob­te Land Pre­mier League gehen. Kevin Kee­gan hat­te den Ver­ein unter­des­sen ver­las­sen, war Natio­nal­coach Eng­lands gewor­den. Unter dem Neu­en, Spie­ler­trai­ner Karl-Heinz Ried­le, sah Leh­mann sei­ne Chan­cen auf Ein­sät­ze schwin­den. Wech­sel­wil­lig, ablö­se­frei und eine gute Vor­sai­son in der Bewer­bungs­map­pe: Inner­halb kür­zes­ter Zeit lagen ihm 28 Ange­bo­te vor. Sei­ne Wahl fiel auf Hiber­ni­an Edinburgh.

Par­ty an der Eas­ter Road: „Super­tape“ hat gegen Dun­dee getrof­fen
Foto: PA Images /​Ala­my Stock Photo

Beim schot­ti­schen Erst­li­ga­auf­stei­ger schlug der Deut­sche ein wie die Bom­be. Gleich in den ers­ten bei­den Spie­len erziel­te er drei Tore und mach­te sein Team fast im Allein­gang zum über­ra­schen­den Tabel­len­füh­rer. Das aus Eng­land nach Nor­den geschwapp­te Gerücht von sei­ner angeb­li­chen Neben­tä­tig­keit als Film­hengst tat ein Übri­ges. Wie­der kleb­ten sich die Fans Schnäu­zer an und Ohr­läpp­chen ab, fei­er­ten ihren „Super­tape“ mit spe­zi­ell auf ihn getex­te­ten Liedern.

Und der wur­de allen Erwar­tun­gen gerecht, war Leis­tungs­trä­ger einer Mann­schaft, die sich auch neben dem Platz als sol­che prä­sen­tier­te. Nach dem Trai­ning ging man kol­lek­tiv essen. Es gab gemein­sa­me Kino­be­su­che und Aus­flü­ge. Von Zeit zu Zeit lie­ßen es die Jungs sogar in Edin­burghs Pubs kra­chen. Trai­ner Alex McLeish bestärk­te sie in die­sen Akti­vi­tä­ten. In Deutsch­land sicher­lich undenk­ba­re Zustände.

„Wenn Du in der Frei­zeit mit­ein­an­der Spaß hast, hältst Du auch im Spiel zusammen.“

„Bei all mei­nen Clubs auf der Insel habe ich einen ähn­lich locke­ren Umgang erlebt.“ Dirk Leh­mann sieht die­sen Umstand in der bri­ti­schen Fuß­ball­men­ta­li­tät begrün­det. „Man legt ein­fach viel Wert auf Kame­rad­schaft und Team­geist. Wenn Du in der Frei­zeit mit­ein­an­der Spaß hast, hältst Du auch im Spiel zusammen.“

Zu was eine intak­te Mann­schaft in der Lage ist, erfuhr er vor allem in sei­nem zwei­ten Jahr bei den Hibs. Lan­ge hiel­ten die Under­dogs mit den Gro­ßen des Lan­des mit. Erst auf der Ziel­ge­ra­den konn­ten sich Cel­tic und die Ran­gers ent­schei­dend abset­zen. Hiber­ni­an qua­li­fi­zier­te sich mit dem drit­ten Platz immer­hin erst­ma­lig seit 20 Jah­ren für einen euro­päi­schen Wett­be­werb. Und auch wenn das Pokal­end­spiel mit 0:3 gegen Cel­tic Glas­gow deut­lich ver­lo­ren ging, bil­de­te die Par­tie im aus­ver­kauf­ten Hamp­den Park den wür­di­gen Abschluss einer erfolg­rei­chen Saison.

Unbe­zahl­ba­re Heimkehr

Rück­blen­de: Mün­gers­dorf, Früh­jahr 1993. Die aus­klin­gen­de Spiel­zeit 92/​93 ver­lief frus­trie­rend für Dirk Leh­mann. Nur spo­ra­disch erhielt er Ein­sät­ze in der Bun­des­li­ga. Ein Trai­ner­wech­sel in der Som­mer­pau­se brach­te ledig­lich gering­fü­gi­ge Ver­bes­se­rung. Denn auch der neue Übungs­lei­ter Mor­ten Olsen setz­te meist auf die Kon­kur­renz, die mit Neu­zu­gang Toni Pols­ter sogar noch gewach­sen war. Doch der Zwangs­re­ser­vist, nach Abschluss der Aus­bil­dung inzwi­schen voll auf Fuß­ball kon­zen­triert, ließ sich nicht ent­mu­ti­gen und arbei­te­te hart.

In der Rück­run­de erhielt er eine über­ra­schen­de Offer­te. Erik Gerets hat­te in ihm sei­nen Wunsch­spie­ler aus­ge­macht. So trat der Coach des bel­gi­schen Erst­li­gis­ten Lier­se SK nach mehr­fa­cher Beob­ach­tung an den kopf­ball­star­ken Stür­mer her­an. Die­ser zöger­te kei­nen Augen­blick, sein Glück im Aus­land zu versuchen.

Nicht weit ent­fernt vom Drei­län­der­eck und in Schwarz-Gelb geklei­det, fühl­te sich der Aache­ner fast wie zu Hau­se. Inner­halb von zwei Jah­ren mach­te er sich im Nach­bar­land einen Namen und hat­te nach dem Ablauf sei­nes Ver­tra­ges nahe­zu freie Ver­eins­wahl. Die bes­te Per­spek­ti­ve sah er beim RWD Molen­beek. Der Brüs­se­ler Vor­ort­club, bel­gi­scher Meis­ter von 1975, erleb­te unter René van der Eycken gera­de eine Renais­sance. Dank eines sol­ven­ten Geld­ge­bers erhoff­te man sich für die Zukunft gro­ße Dinge.

Statt­des­sen kämpf­te Molen­beek von Beginn an gegen den Abstieg. Erst am letz­ten Spiel­tag sicher­te Dirk Leh­mann mit sei­nem Tor zum spä­ten 2:2 gegen KRC Harel­be­ke den Klas­sen­er­halt. In der dar­auf fol­gen­den Spiel­zeit kam es sogar noch schlim­mer. Der Mäzen zog sich zurück, der Ver­ein stand vor dem Aus. Spie­ler­ver­käu­fe soll­ten die lee­ren Kas­sen füllen.

Der Ret­ter aus dem Vor­jahr wur­de nach dem vier­ten Spiel­tag der Sai­son 97/​98 zu Ener­gie Cott­bus trans­fe­riert. Beim Zweit­li­gis­ten kam er vom Regen in die Trau­fe. Har­tes Trai­ning mit schier end­lo­sen Wald­läu­fen war an der Tages­ord­nung. Dar­über hin­aus stell­te Trai­ner Ede Gey­er den Stür­mer nahe­zu durch­ge­hend in der Defen­si­ve auf. Der fühl­te sich ver­kannt und ver­such­te, sei­nen Abschied aus der Lau­sitz zu forcieren.

In einem Anflug von Heim­weh kon­tak­tier­te er die Alemannia. Doch die Rück­kehr an den Tivo­li schei­ter­te an einer für Aachen nicht finan­zier­ba­ren Ablö­se­for­de­rung. Erneut droh­te ein Kar­rie­re­knick. Und wie­der kam ein unver­hoff­tes Ange­bot zur rich­ti­gen Zeit. Bei einem Test­spiel waren eng­li­sche Scouts auf den ver­meint­li­chen Ver­tei­di­ger mit Tor­jä­ger­qua­li­tä­ten auf­merk­sam gewor­den. Der FC Ful­ham bekun­de­te Inter­es­se und über­wies die gefor­der­ten 100.000 DM.

Per­fek­ter Sündenbock

Foto: Carl Brunn

Mit dem Wech­sel auf die Insel begann die schöns­te Pha­se sei­ner Kar­rie­re, wie Dirk Leh­mann noch heu­te kon­sta­tiert. Ein sport­lich lei­der uner­freu­li­ches Ende fan­den sei­ne bri­ti­schen Jah­re im Som­mer 2003. Zwei Spiel­zei­ten zuvor von Edin­burgh über Brighton zum FC Mother­well gewech­selt, hat­te er trotz eini­ger wich­ti­ger Tore einen Abstieg nicht ver­hin­dern kön­nen. Auf­stei­ger Fal­kirk konn­te aber kein erst­li­ga­taug­li­ches Sta­di­on vor­wei­sen und so wur­de der Liga­tausch vier Wochen nach Sai­son­ende am grü­nen Tisch revi­diert. Bei frü­he­rem Wis­sen um den Erhalt der Erst­klas­sig­keit wäre der Deut­sche sicher­lich in Schott­land geblieben.

Zum Zeit­punkt der Bekannt­ga­be aber war er schon auf dem Weg zur nächs­ten Sta­ti­on. Pierre Litt­bar­ski, Mit­spie­ler aus alten Köl­ner Zei­ten und inzwi­schen Trai­ner des japa­ni­schen Zweit­li­gis­ten FC Yoko­ha­ma, hat­te auf der Suche nach einem Mit­tel­stür­mer erfolg­reich beim Ex-Kol­le­gen angeklopft.

Die­ser erleb­te im Ver­gleich zu den vor­he­ri­gen Jah­ren ein kul­tu­rel­les Kon­trast­pro­gramm. Er genoss die Anony­mi­tät der fern­öst­li­chen Groß­stadt. Nie­mand sprach ihn auf der Stra­ße an. Auto­gramm­wün­sche wur­den, wenn über­haupt, höf­lich distan­ziert geäu­ßert. Auch in der Mann­schaft herrsch­te ein ande­rer Geist als auf der Insel. „Die Jungs waren alle nett, aber den meis­ten fehl­te die letz­te Ent­schlos­sen­heit. Ver­lie­ren war nicht schlimm, solan­ge man eine eini­ger­ma­ßen anspre­chen­de Leis­tung gezeigt hat­te.“ Beim Gedan­ken an die­se lasche Ein­stel­lung schüt­telt Dirk Leh­mann immer noch ver­ständ­nis­los den Kopf. Jah­re­lang hat­te er erlebt, was Ein­satz und Kamp­fes­wil­le in einem Spiel bewir­ken können.

Die sport­li­che Lei­tung schien den Schlen­dri­an im Team anfäng­lich zu tole­rie­ren. Nach einem 1:7 gegen den Tabel­len­füh­rer aus Niiga­ta dreh­te sich der Wind jedoch. Von Vor­stands­sei­te offen­bar unter Druck gera­ten, zog Pierre Litt­bar­ski die Zügel an. Die Zeit des Duzens war vor­bei, das Trai­ning wur­de här­ter und sein Lands­mann, zu Beginn noch Stamm­spie­ler, fand sich bei vie­len Spie­len auf der Bank wieder.

Als teu­rer Neu­zu­gang schien er den per­fek­ten Sün­den­bock abzu­ge­ben. Am Ende der Halb­se­rie hat­te er neun Spie­le von Beginn an gemacht. Zehn wären nötig gewe­sen, um den Ver­trag auto­ma­tisch zu ver­län­gern. Die münd­lich zuge­sag­te andert­halb­jäh­ri­ge Lauf­zeit war plötz­lich gegen­stands­los. Sein Haus in Schott­land ver­kauft, alles für das Enga­ge­ment in Yoko­ha­ma zurück­ge­las­sen und dann aus­ge­boo­tet: Dirk Leh­mann stand auf ein­mal völ­lig ohne Per­spek­ti­ve da.

Ent­täuscht ging der Stür­mer zurück in die Hei­mat, wo er sich auf der Suche nach einer neu­en Her­aus­for­de­rung dem Zweit­li­ga­neu­ling Jahn Regens­burg anschloss. Was folg­te, waren wei­te­re har­te Wochen und Mona­te, die er zumeist auf der Bank oder gar auf der Tri­bü­ne ver­brach­te. Mit der ver­bau­ten Tivo­li-Heim­kehr Ende März 2004 reißt ihm end­gül­tig der Gedulds­fa­den. Beim Bestei­gen sei­nes Autos, um auf eige­ne Faust nach Aachen zu fah­ren, zieht er inner­lich einen Schluss­strich unter das The­ma Regens­burg. Mit Jahns Abstieg weni­ge Wochen spä­ter wird die Tren­nung Fakt.

End­lich zu Hause

Vor einem wei­te­ren Ver­eins­wech­sel möch­te Dirk Leh­mann erst ein­mal Grund­sätz­li­ches über­den­ken. Am Ende sei­ner Über­le­gun­gen sieht der Weit­ge­reis­te die Zeit gekom­men, sess­haft zu wer­den. Lukra­ti­ve Ange­bo­te aus Zypern und Eng­land lehnt er dar­um dan­kend ab. Sei­ne sport­li­che Zukunft wird fürs Ers­te in der Ver­bands­li­ga statt­fin­den. Borus­sia Frei­al­den­ho­ven erhält den Vorzug.

Zeit­gleich mit sei­nem Enga­ge­ment in dem beschau­li­chen Ört­chen nimmt Leh­mann noch ein­mal eine Berufs­aus­bil­dung zum Indus­trie­kauf­mann auf, besucht zudem diver­se Trai­ner­lehr­gän­ge. Ganz in der Nähe sei­nes neu­en Sta­di­ons lässt er sich auch nie­der – gera­de ein­mal eine hal­be Stun­de von Aachen und dem Tivo­li ent­fernt. Die Odys­see ist been­det. Dirk Leh­mann ist end­lich zu Hau­se angekommen.

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Über den Pratsch

Als wir die ersten Buchstaben tippten, um unsere fixe Idee eines Alemannia-Magazins in die Tat umzusetzen, spielte Henri Heeren noch in Schwarz-Gelb. Jupp Ivanovic machte drei Buden am Millerntor und trotzdem träumte niemand von Bundesliga oder Europapokal. Das ist lange her. In der Zwischenzeit waren wir mit dem TSV ganz oben. Wir sind mit ihm ziemlich unten. Aufgehört haben wir unterwegs irgendwie nie. Neue Ausgaben kamen mal in größeren, mal in kleineren Abständen. Und jetzt schreiben wir halt auch noch das Internet voll.

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