Foto: Carl Brunn

Die blas­sen Vier

Wappen auf Gitarrenkoffern, Trikots auf der Bühne, den Würselener Wall im Herzen: Pale sind Musiker und Alemannia-Fans.

Das Jahr 1998 neigt sich dem Ende, der Herbst hält Ein­zug. Wäh­rend ein nass­kal­ter Wind durch Vech­tas Stra­ßen pfeift, geht es im „Gul­f­haus“ ver­gleichs­wei­se hit­zig zu. Eini­ge Hun­dert Men­schen ste­hen dicht gedrängt vor der Büh­ne und war­ten unge­dul­dig auf den Beginn eines Kon­zerts. Pale sind in der Stadt und über­fäl­lig. Der Ver­an­stal­ter mel­det eine leich­te Ver­spä­tung und nuschelt etwas von tech­ni­schen Pro­ble­men. Vor dem Eta­blis­se­ment sit­zen der­weil vier jun­ge Män­ner in einem Fiat Cro­ma und ver­fol­gen mit völ­li­ger Hin­ga­be den Schluss­ak­kord der Radio­re­por­ta­ge eines Fußballspiels.

„Es lässt sich nun ein­mal lei­der nicht immer ver­hin­dern, dass unse­re Tour­da­ten mit dem Spiel­plan des TSV kol­li­die­ren“, kom­men­tiert Ste­phan Kochs die Sze­ne im Rück­blick. In Aus­nah­me­fäl­len müs­se eben eine Not­lü­ge her­hal­ten. „Aber wirk­lich nur in Aus­nah­me­fäl­len“, wie er eben­so treu­her­zig wie aus­drück­lich betont. „Das Spiel in Hom­burg war aber auch bis zum Schluss eng. Da muss­ten wir ein­fach dran­blei­ben“, springt Holger Kochs sei­nem zwei Jah­re älte­ren Bru­der sofort zur Seite.

Drum­mer Ste­phan und Gitarrist/​Sänger Holger sind zwei der vier Auto­in­sas­sen von Vech­ta. Gemein­sam mit den ande­ren bei­den bil­den sie die Band Pale. Seit nun­mehr über elf Jah­ren machen die jun­gen Män­ner aus dem Nord­kreis gemein­sam Musik. Inzwi­schen sind sie mit ihren Eigen­kom­po­si­tio­nen zwi­schen Paul Wel­ler und Ben Folds in unzäh­li­gen Kon­zert­sä­len der Repu­blik genau­so zu Hau­se wie auf VIVA und MTV. Doch min­des­tens eben­so wie ihre Kunst treibt sie der Fuß­ball im All­ge­mei­nen und die Alemannia im Beson­de­ren an.

Der Ange­be­te­ten einen Maibaum

„Stu­dio­ter­min hin, Auf­tritt her, wir sind per Inter­net oder SMS immer auf Ball­hö­he“, beschreibt Gitar­rist Chris­ti­an Dang-anh die Inter­es­sen­la­ge der Com­bo. Und so scheu­en sich die Musi­ker auch nicht, ihrer Ver­eh­rung ab und an ein weit­hin sicht­ba­res Zeug­nis abzu­le­gen. Im Wie­der­auf­stiegs­jahr 1999 zum Bei­spiel, in der eis­kal­ten Nacht zum ers­ten Mai, erklomm Bass­mann Jür­gen „Hil­ly“ Hil­gers einen der Ehr­furcht ein­flö­ßen­den Flucht­licht­mas­ten des Tivo­li und setz­te dort einen schwarz-gelb geschmück­ten Bir­ken­ast. „Hier in der Gegend gehört sich das doch so, wenn man auf jeman­den steht“, grinst der 29-Jährige.

„Stu­dio­ter­min hin, Auf­tritt her, wir sind per Inter­net oder SMS immer auf Ballhöhe.“

Gitar­rist Chris­ti­an Dang-anh

Die­se aben­teu­er­li­che, Blü­ten trei­ben­de Zunei­gung kommt nicht von unge­fähr. Schließ­lich kann jeder der vier eine klas­si­sche Fan­bio­gra­fie vor­wei­sen. Bereits in den Acht­zi­gern und lan­ge vor der Band­grün­dung waren sie an den Hän­den von Ver­wand­ten und Freun­den regel­mä­ßi­ge Tivo­li­be­su­cher. Und nach­dem Pale aus der Tau­fe geho­ben wor­den war, fand man auf dem Wür­se­le­ner Wall einen gemein­sa­men Stand­platz. Dort beglei­te­ten sie ihre Schwarz-Gel­ben durch die Dia­spo­ra der Dritt­klas­sig­keit und genie­ßen heu­te, so oft es geht, die höhe­re Luft der zwei­ten Liga. Allen Regen­schau­ern, Nie­der­la­gen und Skan­däl­chen zum Trotz.

Schwarz-gel­ber Auf­kle­ber auf dem Amp, Alemannia­wappen auf dem Bass­gurt: Hil­ly und Holger gehen 2001 in Ali­can­te steil.
Foto: pri­vat

So kon­stant wie die Treue zur Alemannia blieb in all den Jah­ren auch die Band­struk­tur. Nur ein­mal, 1996 in der Früh­pha­se der Grup­pe, dreh­te sich das Per­so­nal­ka­rus­sell. Damals muss­ten sich die Gebrü­der Kochs und ihr Freund Chris­ti­an Dang-anh einen neu­en Bas­sis­ten suchen. Sie fan­den ihn in Jür­gen Hil­gers. Und als wenn es vom Schick­sal so gewollt gewe­sen wäre: „Hil­ly“ oute­te sich auch als Ale­man­ne mit Leib und See­le. „Das war aller­dings kein Kri­te­ri­um bei der Ent­schei­dung, ihn auf­zu­neh­men“, schränkt Holger Kochs gleich ein.

Wie dem auch sei: Bei den Dis­kus­sio­nen im Band­bul­li muss sich so jeden­falls nie­mand aus­ge­grenzt füh­len. Und das ist für die Che­mie unter­ein­an­der nur för­der­lich. Denn die Gesprä­che auf den meis­tens lan­gen Tour­ki­lo­me­tern quer durch Deutsch­land dre­hen sich wahr­lich mehr als nur gele­gent­lich um das Gesche­hen an der Kre­fel­der Stra­ße. Es sind vie­le sol­cher Gesprä­che. Immer­hin zählt die Kon­zert­chro­nik seit den Anfän­gen der Band weit mehr als 400 Auftritte.

Ähn­lich wie der Fuß­ball­ver­ein ihrer Hei­mat­stadt haben die „blas­sen Vier“ mitt­ler­wei­le den Sprung vom Tin­geln über die Dör­fer zur deutsch­land­wei­ten Tour­nee geschafft. Eines haben sie ihren schwarz-gel­ben Hel­den dabei aller­dings vor­aus: Den Sprung auf die euro­päi­sche Büh­ne schaff­ten sie, lan­ge bevor die Kar­tof­fel­kä­fer in Rich­tung Reykja­vik auf­bre­chen durften.

Ihrem Ruf als äußerst unter­halt­sa­me Live­band wur­de Pale erst­ma­lig 1999 auch außer­halb Deutsch­lands gerecht, als sie eine Tour in Spa­ni­en spiel­ten. Seit­dem ste­hen auch Orte wie Leeds, San­tan­der und Wien immer mal wie­der auf dem Tour­plan. Erstaun­lich für jun­ge Män­ner um die drei­ßig, die als Stu­den­ten und Gra­fik-Desi­gner alle­samt einer haupt­be­ruf­li­chen Beschäf­ti­gung nachgehen.

Mis­sio­nie­ren von der Bühne

Gleich­gül­tig jedoch, ob Valen­cia oder Vech­ta, ob Man­ches­ter oder Mün­chen, Sankt Pau­li oder Sant Feliu: Nir­gend­wo machen die vier „Blas­sen“ aus ihrer Zunei­gung zur Alemannia ein Hehl. Im Gegen­teil: Die Men­schen da drau­ßen sol­len ruhig wis­sen, wel­cher Ver­ein der bes­te der Welt ist. So ist der selbst ernann­te Klömp­chens­klub auf allen Rei­sen mit im Gepäck.

Das Wap­pen mit dem Adler ziert die Gitar­ren­kof­fer und prangt auf dem Bul­li. Die Jer­seys der Tivo­li-Kicker gehö­ren in schö­ner Regel­mä­ßig­keit zur Büh­nen­gar­de­ro­be. Und wer die Book­lets zu den inzwi­schen fünf Alben des erfolg­rei­chen Quar­tetts durch­blät­tert, stößt unwei­ger­lich auf das obli­ga­to­ri­sche Gruß­wort an den Lieblingsverein.

Aller­dings belas­sen es die Vier nicht bei Äußer­lich­kei­ten. Als rou­ti­nier­te Meis­ter ihres Fachs wis­sen sie ihre cha­ris­ma­ti­sche Prä­senz zu nut­zen und las­sen es sich nicht neh­men, das Volk auch live zu bekeh­ren. So ver­geht kaum ein Auf­tritt, bei dem nicht zwi­schen den Songs die Alemannia the­ma­ti­siert wird. Vor allem die bei­den Her­ren an den Gitar­ren nut­zen häu­fig die Gunst der Stimm­pau­se, um das Wort an die Kon­zert­be­su­cher zu richten.

„Es ist schon lus­tig, wenn Du in Ham­burg einer Meu­te von 300 Leu­ten gegen­über­stehst, die aus vol­lem Hals ‚Olé Alemannia’ gröhlt.“

Schlag­zeu­ger Ste­phan Kochs

Hier wird dem orts­an­säs­si­gen Ver­ein, uner­heb­lich ob Kreis- oder Bun­des­li­gist, scherz­haft die Daseins­be­rech­ti­gung abge­spro­chen. Dort wird der Saal gezwun­gen, Lob­lie­der auf die Schwarz-Gel­ben aus der Kai­ser­stadt anzu­stim­men. „Es ist schon lus­tig, wenn Du in Ham­burg einer Meu­te von 300 Leu­ten gegen­über­stehst, die aus vol­lem Hals ‚Olé Alemannia’ gröhlt“, gerät Ste­phan Kochs bei­na­he ins Schwär­men. „Das hat was!“

Die­se nun­mehr fast zwölf Jah­re andau­ern­de Mis­sio­nar­s­tä­tig­keit trägt inzwi­schen ihre Früch­te. Kon­zert­be­su­cher wis­sen um die Eigen­art der Band und rezi­tie­ren stel­len­wei­se auch ohne Auf­for­de­rung die schwarz-gel­be Lie­der­fi­bel. Die­ses beson­de­re Fai­ble der Pale-Mit­glie­der für den Tra­di­ti­ons­ver­ein vom Tivo­li ist bei den zahl­rei­chen ande­ren Bands, mit denen sich die Aache­ner vie­ler­orts Büh­ne und Back­stage­be­reich tei­len, eben­falls Thema.

Ern­te­te man zu Zei­ten wür­gen­der Übungs­lei­ter und ver­schwun­de­ner Geld­kof­fer noch Spott und Häme, so sind die Gesprä­che heu­te von Respekt geprägt. Die sport­li­che Leis­tungs­bi­lanz der Öcher stößt auch in die­sen Krei­sen auf brei­te Bewun­de­rung, und das alt­ehr­wür­di­ge Sta­di­on lässt immer wie­der Neid aufkommen.

Ein funk­ti­ons­tüch­ti­ges Radio

„Sol­che Erleb­nis­se sind das Salz in der Sup­pe auf den Tour­ne­en. Und bei­na­he noch bes­ser ist es, wenn sich unser Kalen­der hier und da mit dem Spiel­plan der Alemannia über­schnei­det“, meint „Hil­ly“. In sol­chen Fäl­len set­zen die Jungs alles dar­an, ins Sta­di­on zu gehen – Sound­check hin oder her und Pan­nen ein­ge­schlos­sen. Wie bei­spiels­wei­se an einem Herbst­mitt­woch 2000, als Aachens Zweit­li­ga­re­cken bei den Kickers aus Stutt­gart antre­ten muss­ten und Pale eben­dort einen Stu­dio­ter­min zu absol­vie­ren hatten.

Erst nach einer unend­li­chen Irr­fahrt durch Baden-Würt­tem­bergs Haupt­stadt und viel zu spät erreich­ten die vier Musi­ker die bereits geschlos­se­nen Tore des Wald­au­s­ta­di­ons. Der schwä­bisch-stu­re Ord­nungs­dienst igno­rier­te die Bedeu­tung des Besu­ches und ver­wei­ger­te den Zutritt. „Da stan­den wir dann im Nie­sel­re­gen, schau­ten abwech­selnd durch ein Loch im Gat­ter und spiel­ten Tor­schüt­zen­ra­ten bei unse­rem 3:0‑Auswärtssieg“, erin­nert sich Chris­ti­an Dang-anh.

Bei ihrer anste­hen­den Kurz­tour im April wird die Band vor­aus­sicht­lich nicht ein­mal Zaun­gast sein kön­nen. Noch sieht es nicht so aus, als ob sie auf ihrer Rei­se die Rou­te des Alemannia-Bus­ses kreu­zen werden.

Für alle Fäl­le haben die vier das Auto­ra­dio ihres fahr­ba­ren Unter­sat­zes schon ein­mal auf sei­ne Funk­ti­ons­tüch­tig­keit hin über­prüft. Denn even­tu­ell wird der eine oder ande­re Ver­an­stal­ter wie­der etwas von „tech­ni­schen Pro­ble­men“ erzäh­len müssen.

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Über den Pratsch

Als wir die ersten Buchstaben tippten, um unsere fixe Idee eines Alemannia-Magazins in die Tat umzusetzen, spielte Henri Heeren noch in Schwarz-Gelb. Jupp Ivanovic machte drei Buden am Millerntor und trotzdem träumte niemand von Bundesliga oder Europapokal. Das ist lange her. In der Zwischenzeit waren wir mit dem TSV ganz oben. Wir sind mit ihm ziemlich unten. Aufgehört haben wir unterwegs irgendwie nie. Neue Ausgaben kamen mal in größeren, mal in kleineren Abständen. Und jetzt schreiben wir halt auch noch das Internet voll.

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