In der Pratsch jagt das Phantom

Freitag, 26. November 1999, 18:57 Uhr, Tatort Cottbus. Elf Alemannen betreten den Rasen des Stadions der Freundschaft. Unter ihnen ist ein junger Mann, der bei den etwa 150 mitgereisten Aachenern ebenso für Verwirrung sorgt wie bei den Daheimgebliebenen am Radio: Holger Dannhöfer. Rückennummer 34. Wer zum Himmel ist dieser Bursche?

10 Min. Lesezeit

Kein schwarz-gel­ber Anhän­ger hat den Spie­ler Dann­hö­fer auf der Rech­nung. Auf dem offi­zi­el­len Mann­schafts­fo­to ist er nicht zu fin­den. Auch nicht auf dem der zwei­ten Mann­schaft. Auf den Noti­blö­cken der Jour­na­lis­ten steht er eben­falls nicht. Holger Dann­hö­fer taucht an die­sem Abend ein­fach auf. Aus dem Nichts. Und nach exakt 30 Spiel­mi­nu­ten ver­schwin­det er auch wie­der dort­hin, ohne jemals wie­der gese­hen zu wer­den. Wer ist der Mann? Die Spu­ren­su­che gestal­tet sich als Fahn­dung nach einem Phantom.

Wer, wenn nicht die ehe­ma­li­gen Spiel­ka­me­ra­den müs­sen wis­sen, wie Holger Dann­hö­fer so mir nichts, Dir nichts in das Tri­kot der Alemannia schlüp­fen und etwas weni­ger als eine Halb­zeit lang Pro­fi­fuß­bal­ler spie­len durf­te? Doch auch der dama­li­ge Mit­tel­feld­mo­tor und gute Geist des Teams, Mar­kus von Ahlen, zuckt hilf­los mit den Schul­tern. „Der war viel­leicht ein paar Mal beim Trai­ning. Dann kam der Kurz­ein­satz in Cott­bus und danach war er weg, ohne dass wir ihn wie­der sahen.“

Beim Ver­ein selbst ist die Fak­ten­la­ge auch nicht bes­ser. Sogar für Zeug­wart Micha­el Förs­ter ist der Mann bis heu­te ein Rät­sel. „Dann­hö­fer? Das ist doch der Mann, der nur 30 Minu­ten für uns gespielt hat.“ Mehr weiß auch der Mann nicht, der in den ver­gan­ge­nen drei­zehn Jah­ren jedem ein­zel­nen Tivo­li-Kicker die Tri­kots beflockt, die Sachen geord­net und die Schu­he geputzt hat.

„Selt­sam!“

Micha­el Förs­ter kennt sie sonst alle

Ein Blick in die Unter­la­gen des Alemannia-Vete­ra­nen bringt auch kei­ne wei­te­ren Erkennt­nis­se. Ein Hin­weis auf das „Tivo­li Echo“ läuft eben­so ins Lee­re, obwohl hier grund­sätz­lich alle Spie­ler mit einem Foto ver­ewigt wer­den. Inklu­si­ve derer, die erst im Lauf der Sai­son zum Kader sto­ßen. Doch das schwarz-gel­be Zen­tral­or­gan hat Holger Dann­hö­fer kei­ne ein­zi­ge Sil­be gegönnt.

Micha­el Förs­ter fin­det das „selt­sam“, will sich aber vage dar­an erin­nern, dass der Gesuch­te irgend­et­was mit dem SV Wald­hof Mann­heim zu tun gehabt habe. Das klingt ein­leuch­tend. Han­delt es sich bei den Kur­pfäl­zern doch um jenen Ver­ein, bei dem sich Dann­hö­fer-Ent­de­cker Eugen Hach vor sei­nem Aachen-Auf­ent­halt als bes­se­rer Prak­ti­kant ver­dingt hatte.

August Dechant ja, Holger Dann­hö­fer nein

Und tat­säch­lich: Die pri­vat orga­ni­sier­te Online-Fak­ten­samm­lung „Wald­hof-Archiv“ führt den guten Holger als Spie­ler der zwei­ten SVW-Mann­schaft in der Sai­son 1996/​97 auf. Mehr aber auch nicht. Einen Hin­weis auf ein Leben davor und danach sucht man auch hier ver­geb­lich. Von wo reis­te der offen­sicht­lich streng gehei­me Tipp denn nun wirk­lich an die Kre­fel­der Stra­ße? Zumin­dest die Wald­hof-Geschäfts­stel­le soll­te doch wenigs­tens irgend­ein altes For­mu­lar wie die Kopie des Spie­ler­pas­ses besitzen.

Spä­tes­tens an die­ser Stel­le beginnt die Geschich­te, abstrus zu wer­den. Denn auch für die Mit­ar­bei­ter des heu­ti­gen Viert­li­gis­ten erweist sich die Iden­ti­tät des rät­sel­haf­ten Spie­lers als nicht zu über­win­den­de Hür­de. Kei­ner kann sich an einen Sport­ka­me­ra­den die­ses Namens erin­nern. Auch nicht nach inten­si­vem Nach­den­ken. Immer­hin ist man voll des Lobes für Aachen, weil die Wald­hof-Offi­zi­el­len dort „immer so freund­lich und bei­na­he wie gute Bekann­te begrüßt wur­den“. Hach sei Dank.

Viel­leicht ist es das, viel­leicht aber auch das Inter­es­se an dem Mys­te­ri­um, das die Mann­hei­mer dazu ver­lei­tet, in der Sache noch ein­mal nach­for­schen zu wol­len. Unbe­greif­lich: Da ist der jun­ge Herr Dann­hö­fer im Online-Archiv, das immer­hin auch August Dechant führt, der von 1909 bis 1911 für die blau-schwar­zen Mann­hei­mer spiel­te, bevor er zur FVg Nec­karau wech­sel­te, defi­ni­tiv akten­kun­dig. Und doch ist er bei den Offi­zi­el­len des Ver­eins ein völ­lig Unbekannter?

„Dann wie?“

Kur­pfäl­zer Ultras ste­hen im Wald(hof)

Wenigs­tens für die ansons­ten gut infor­mier­ten Wald­hof-Ultras ist der Fall son­nen­klar. Die sind sich sicher und erklä­ren vol­ler Abscheu: „Dann wie? Nee, der hat beim VfR gespielt. Ganz bestimmt!“ Doch den Dann­hö­fer las­sen sie sich auch beim ver­hass­ten Orts­ri­va­len nicht so leicht in die Schu­he schie­ben. Selbst Alt­ge­dien­te wis­sen nichts über das bur­les­ke Talent zu berichten.

Bleibt der Mann mit der Tri­kot-Num­mer 34 also eine Spuk­ge­stalt? Gut: Er kann anschei­nend auf ein gesi­cher­tes Jahr Fuß­bal­ler­fah­rung in der zwei­ten Mann­schaft eines frü­he­ren Zweit­li­gis­ten ver­wei­sen. Aber qua­li­fi­ziert ihn das für ein, wenn auch sehr kur­zes, Gast­spiel im Pro­fi­team der Alemannia? Das soll­te selbst unter der Ägi­de von Merk­wür­den Hach bezwei­felt wer­den. Gab es den Mann über­haupt? Han­del­te es sich bei ihm um eine Kunst­fi­gur, wie sie spä­ter mit dem aus­tra­li­schen Fuß­ball­ma­na­ger Bill Col­lins geschaf­fen wurde?

Ver­wirr­te Menschen

Immer­hin för­dert die Suche nach Holger Dann­hö­fer in sämt­li­chen deut­schen Tele­fon­bü­chern 29 Per­so­nen zu Tage. Sie sind über die gesam­te Repu­blik ver­streut und reich­lich ver­wirrt ob der Tat­sa­che, so urplötz­lich mit der Fra­ge nach einem bis dato ver­schol­le­nen Ver­wand­ten kon­fron­tiert zu werden.

„Isch des a Witz?“, lau­tet der indi­gnier­te Kom­men­tar eines Dann­hö­fers im baye­ri­schen Bad Wörichs­ho­fen, bevor er auf­legt. In Essen erfährt man mehr, als einem lieb ist, über den Fami­li­en­stamm­baum eines 84-Jäh­ri­gen, ohne aber auf einen Holger zu sto­ßen. Und ein Köl­ner Namens­vet­ter geht hilfs­be­reit die gesam­te Sipp­schaft durch: „Also, mei­nen Bru­der kön­nen Sie schon mal strei­chen. Der heißt Udo. Dann gibt es noch mei­ne Cou­si­ne, die Freya. Und Papa kann es auch nicht sein. Allein vom Alter her.“ Alle sind sie da. Nur Holger bleibt unauf­find­bar. Auch jeder der ande­ren 26 Dann­hö­fers ver­si­chert glaub­haft, nie ein Fami­li­en­mit­glied gehabt zu haben, dass auch nur im Ent­fern­tes­ten die Luft des Pro­fi­fuß­balls geschnup­pert hätte.

„Isch des a Witz?“

Bad Wörichs­ho­fen is not amused

Eigent­lich sind in einer behörd­lich bis in ihre hin­ters­ten Win­kel regis­trier­ten Gesell­schaft Phan­to­me nicht vor­ge­se­hen. Wozu gibt es denn die unzäh­li­gen Kar­tei­en, Regis­ter und Mel­de­lis­ten? Vor allem für Mit­bür­ger, die mit ihrem Tun ganz legal Geld ver­dient haben. Zustän­dig im Fall Holger Dann­hö­fer ist die Bun­des­an­stalt für Ange­stell­te (BfA). Aus ihren Aktern­kel­lern ent­kommt kein Mensch so ein­fach. Denkt man zumin­dest. Doch ent­we­der ist die deut­sche Büro­kra­ten­gründ­lich­keit auch nicht mehr das, was sie mal war, oder Lizenz­spie­ler Dann­hö­fer hat bei­spiels­wei­se sei­ne zuge­ge­be­ner­ma­ßen über­schau­ba­ren Diens­te am Tivo­li als ehren­amt­li­che Tätig­keit auf­ge­fasst. Die Nach­for­schun­gen beim BfA erbrin­gen jeden­falls nichts Erhel­len­des. Ein Werk­tä­ti­ger namens Holger Dann­hö­fer ist schlicht­weg nicht existent.

Nun kann es ja durch­aus sein, dass der Kurz­zeit­fuß­bal­ler im Lot­to gewon­nen oder reich gehei­ra­tet hat, des­halb kei­ner Tätig­keit mehr nach­ge­hen muss und jetzt ganz geschmei­dig in einem dicken Schlit­ten über die Pracht­bou­le­vards Düs­sel­dorfs, Ber­lins oder Ham­burgs glei­tet. Aber Autos sind sicher nicht das Ding des Ex-Sport­lers. Wei­te­re Recher­chen erge­ben, dass in ganz Deutsch­land kein Kraft­fahr­zeug auf einen Holger Dann­hö­fer zuge­las­sen ist. Der Mann bleibt ein Rätsel.

Unbe­grenz­te Möglichkeiten

Auch der ange­kün­dig­te und zuver­läs­sig erfolg­te Rück­ruf aus Mann­heim bringt nicht mehr Licht ins Dun­kel. Im Gegen­teil: Beim SV Wald­hof meint man, her­aus­ge­fun­den zu haben, dass „der Herr Dann­hö­fer anschei­nend in die USA aus­ge­wan­dert war, inzwi­schen aber wie­der zurück­ge­kehrt ist und sich im Raum Mün­chen auf­hal­ten soll.“ Dabei legt der hilfs­be­rei­te Mann­hei­mer die Beto­nung ganz ein­deu­tig auf „soll“. Zu Recht: In der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt lässt sich die Per­son nicht ermitteln.

Wen, in Got­tes Namen, hat Eugen Hach an jenem unwirt­li­chen Novem­be­r­abend in der Lau­sitz aufs Feld geschickt? Der Pro­vinz­zam­pa­no behielt sein klei­nes Geheim­nis selbst in der Pres­se­kon­fe­renz für sich. Dort sprach der Schelm ledig­lich davon, dass er mit sei­ner Auf­stel­lung Ver­wir­rung habe stif­ten wollen.

Vorheriger Beitrag

Die Auf­stei­ger

Nächster Beitrag

Die blas­sen Vier

Neu im Pratsch

Wir sind die Neuen

Wer nicht fragt, bleibt dumm. Ohne uns, haben wir gedacht, und Alemannias Neuzugänge ein bisschen gelöchert. Das schien uns der beste Weg, die Herren näher kennenzulernen.

Auf Ach­se mit der Alemannia

Wir haben akribisch recherchiert, notiert und zusammengefasst: in unserem handlichen Regionalliga-Guide für schwarz-gelbe Auswärtsfahrer. Garniert mit dem einen und anderen Histörchen.

Turm in 185 Schlachten

Kopfball- und zweikampfstark, integer und loyal: So hat sich Peter Hackenberg auf und neben dem Platz in die Herzen der Alemannia-Anhänger agiert.

Rubri­ken

Sozia­le Aachener

Insta­gram

Letz­te Ausgabe

Sozia­le Aachener

Pratsch ins Postfach

Trag Dich ein, um von uns hin und wieder mit Neuigkeiten versorgt zu werden.

Mails kommen häufiger als unsere Hefte, aber garantiert nicht so, dass es nerven würde. Wir senden auch keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Über den Pratsch

Als wir die ersten Buchstaben tippten, um unsere fixe Idee eines Alemannia-Magazins in die Tat umzusetzen, spielte Henri Heeren noch in Schwarz-Gelb. Jupp Ivanovic machte drei Buden am Millerntor und trotzdem träumte niemand von Bundesliga oder Europapokal. Das ist lange her. In der Zwischenzeit waren wir mit dem TSV ganz oben. Wir sind mit ihm ziemlich unten. Aufgehört haben wir unterwegs irgendwie nie. Neue Ausgaben kamen mal in größeren, mal in kleineren Abständen. Und jetzt schreiben wir halt auch noch das Internet voll.

Letz­te Ausgabe