Der Insol­venz­ver­walter findet keine Erklä­rung für das erneute Defizit der Ale­mannia und sieht im Ein­stieg eines Inves­tors nicht den Königsweg.

Nur zwei Jahre nach der Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens scheint die Ale­mannia wirt­schaft­lich wieder kurz vor dem Abgrund zu stehen. Zumin­dest wenn man den Dar­stel­lungen einiger Funk­ti­ons­träger glaubt. War das aus Ihrer Sicht im Früh­jahr 2014 abzusehen?

Ich hatte die Über­nahme der Insol­venz­ver­wal­tung davon abhängig gemacht, dass die Vor­aus­set­zungen für eine rasche Rück­kehr in die oberen Spiel­klassen sowie die Bei­be­hal­tung pro­fes­sio­neller Struk­turen gegeben waren. Dazu zählten unter anderem ein wett­be­werbs­fä­higer Kader, die Erhal­tung des Tivoli als Spiel­stätte, die Fort­füh­rung des Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trums, klare Kante gegen Gewalt und Ras­sismus und vor allem auch die Repa­ratur der zer­rüt­teten Ver­hält­nisse zur Stadt und zum DFB. Für all das waren die Vor­aus­set­zungen gegeben. Das hatten wir am Ende des Insol­venz­ver­fah­rens geschafft. Eine solch nega­tive Ent­wick­lung, wie wir sie heute anschei­nend vor­finden, über­rascht mich deshalb.

Trotz dieser von Ihnen beschrie­benen besten Vor­aus­set­zungen stellen die heute Ver­ant­wort­li­chen ein signi­fi­kantes struk­tu­relles Defizit fest. Dabei wird dann auf Hypo­theken aus Alt­ver­trägen ver­wiesen, die der Ale­mannia zu schaffen machen würden, zum Bei­spiel in Bezug auf das Parkhaus.

Diese Hin­weise auf ein struk­tu­relles Defizit sind betriebs­wirt­schaft­li­cher Unfug. Das so genannte ‚struk­tu­relle Defizit‘ ist ein Begriff aus der Volks­wirt­schafts­lehre. Er wird für Defi­zite im Staats­haus­halt ver­wendet, die durch unvor­her­ge­se­hene nicht abwend­bare Ereig­nisse oder Auf­gaben ent­stehen, bei­spiels­weise die Bewäl­ti­gung der Flücht­lings­krise. Sie sind also nicht Folge wirt­schaft­li­cher Ent­wick­lungen. Was die Weisen vom Tivoli mit dem Begriff beschreiben wollen, ist mir unklar.

Unab­hängig aller volks­wirt­schaft­li­chen Theorie und wie man das Minus nun beti­telt: Die Ale­mannia steht einmal mehr vor dem wirt­schaft­li­chen Abgrund, und dieser soll vor allem Alt­lasten geschuldet sein.

Am 31. März 2014 wurde das Insol­venz­ver­fahren auf­ge­hoben. Das bedeutet, dass die Ale­mannia Aachen GmbH zu diesem Datum schul­den­frei war.

Und was ist mit den Alt­ver­trägen, die vom Auf­sichtsrat immer wieder ins Feld geführt werden, zum Bei­spiel im Hin­blick auf das Parkhaus?

In der Tat gibt es Dinge, die nicht ver­han­delbar sind und die die Ale­mannia nach­haltig belasten. Das Park­haus ist solch ein Posten. Auf Wunsch der Stadt wurde der Ver­trag bis 2023 abge­schlossen. Da gab es keinen Ver­hand­lungs­spiel­raum. Auch sämt­liche Kosten rund um das Sicher­heits­kon­zept und die hieraus resul­tie­renden Anfor­de­rungen sind nicht ver­än­derbar, will man grünes Licht von den Ord­nungs­be­hörden und der Polizei bekommen. Alle anderen Fak­toren, die anschei­nend gerne ins Feld geführt werden, liegen in der Ver­ant­wor­tung der jet­zigen Entscheider.

„Was nach erfolg­rei­chem Abschluss der Insol­venz mit den Ver­trags­part­nern ver­ein­bart wurde, ist Sache der aktu­ellen Geschäftsführung.“

Professor Rolf-Dieter Mönning_Pressefoto

Pro­fessor Dr. Rolf-Dieter Mönning

Das gilt auch für den Kunst­ra­sen­platz und die Büro­con­tainer des NLZ?

Und für die Ver­ein­ba­rung mit der ASEAG. Für all das sind aus­schließ­lich die jet­zigen Ent­schei­dungs­träger ver­ant­wort­lich. Der Ver­trag mit der ASEAG hatte ledig­lich eine Lauf­zeit bis zum Ende der Saison 2013/2014. Den Ver­trag bezüg­lich der Kunst­ra­sen­plätze hatten wir zum 31.12.2013 gekün­digt. Die Con­tainer hat uns ein echter Fan der Ale­mannia für kleines Geld ver­mietet, das durch einen Spon­so­ren­ver­trag gegen­fi­nan­ziert wurde. Was nach erfolg­rei­chem Abschluss der Insol­venz mit den Ver­trags­part­nern ver­ein­bart wurde, ent­zieht sich meiner Kenntnis. Das war und ist Sache der aktu­ellen Geschäftsführung.

Sie sahen also gute Vor­aus­set­zungen für die Ale­mannia als Sie das Insol­venz­ver­fahren abge­schlossen hatten?

Ja. Wir hatten die Kos­ten­struk­turen ange­passt und gleich­zeitig die Orga­ni­sa­tion ver­nünftig struk­tu­riert. Bereits die Saison 2013/2014 hatten Michael Mönig und ich ent­spre­chend geplant, so dass wir den Spiel­be­trieb mit Zustim­mung der Gläu­biger auf­recht­erhalten und das Ver­fahren mit einem akzep­ta­blen Insol­venz­plan abschließen konnten. Das hätte man nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens fort­führen müssen.

Heißt das, dass die aktu­ellen Kos­ten­struk­turen und die Orga­ni­sa­tion nicht ihren Plänen entsprechen?

Zu den aktu­ellen Struk­turen kann ich nichts sagen. Ich war und bin hier nicht eingebunden.

„Per­so­nelle Fehl­ent­schei­dungen ver­nichten Geld.“

Wie erklären Sie sich dann auf­grund Ihrer Erfah­rung und Ihrer Detail­kennt­nisse zum Geschäfts­ge­baren der Ale­mannia das enorme jähr­liche Defizit im sie­ben­stel­ligen Bereich?

Dass per­so­nelle Fehl­ent­schei­dungen Geld ver­nichten, ist kein Geheimnis. Aber alles in allem kann ich mir das nicht erklären. Wie gesagt: Wir hatten im Laufe des Insol­venz­ver­fah­rens alle Vor­aus­set­zungen für eine sorg­fäl­tige Pla­nung und seriöse Füh­rung der Geschäfte geschaffen. Tat­sache ist jedoch leider auch, dass viele Unter­nehmen die alten Fehler wie­der­holen, sobald die Sanierer wieder abge­zogen sind. Und dann eben auch schnell wieder in Schief­lage geraten. Kickers Offen­bach ist auch solch ein Beispiel.

Wie beur­teilen Sie vor dem Hin­ter­grund der aktu­ellen Ent­wick­lungen die Bemü­hungen der Ver­ant­wort­li­chen um eine weit­rei­chende Investorenlösung?

Ich stehe den Plänen, so, wie sie bisher bekannt geworden sind, skep­tisch gegen­über. Ich bin mir nicht sicher, was das dem Verein und der GmbH bringen soll.

Es stellt sich ja auch die Frage, was mit dem Erlös aus dem Ver­kauf der Anteile pas­sieren würde. Eigent­lich steht dieser ja nur dem ein­ge­tra­genen Verein zu und hilft nicht der GmbH weiter.

Da spre­chen Sie einen wich­tigen Punkt an. In der Regel läuft das so, dass der Investor die Anteile für einen sehr geringen sym­bo­li­schen Preis erhält. Die eigent­liche Inves­ti­ti­ons­summe fließt dann in die Spiel­be­triebs­ge­sell­schaft. Bei der Ale­mannia wäre das dann die GmbH.

„Für Verein und GmbH wäre ein Ver­kauf mit Risiken verbunden.“

Der Verein hätte dann von dem Ver­kauf seines Eigen­tums im Grunde genommen nichts.

Nicht nur das. Auch für die GmbH wäre das mit erheb­li­chen Risiken ver­bunden. Denn in der Regel erhält man die Inves­ti­ti­ons­summe in Form eines Gesell­schaf­ter­dar­le­hens. Und solch ein Dar­lehen muss auch bedient, also zurück­ge­zahlt werden. Kurz­fristig mag solch ein Geld­zu­fluss helfen. Gleich­zeitig steigt der Ver­schul­dungs­grad. Das muss man bedenken. Zumal man auch noch jeg­liche Ent­schei­dungs­ge­walt ver­liert, weil der Geld­geber das Sagen hat und meis­tens auch den Geschäfts­führer stellt.

Hätte denn eine Inves­to­ren­lö­sung über­haupt Vorteile?

Klare Vor­gaben für die Füh­rung, ein stren­geres Con­trol­ling und die Neu­tra­li­sie­rung der Gre­mi­en­viel­falt wären sicher­lich Vor­teile. Aber wenn über­haupt, würde nur das Enga­ge­ment eines dem Verein und der Region ver­bun­denen Groß­un­ter­neh­mens, wie zB die AM, Sinn machen, das bereit wäre, tra­di­tio­nelle Bin­dungen zu respek­tieren und alles für den not­wen­digen sport­li­chen Erfolg zu tun. Arena 11 kenne ich nur als Spielervermittler.

Vielen Dank für das Gespräch.

Pro­fessor Dr. Rolf-Dieter Mön­ning (68) ist Rechts­an­walt. Seine Kanzlei ver­fügt über elf Stand­orte in Deutsch­land und ist spe­zia­li­siert auf Insol­venz­ver­wal­tung, Sanie­rungen sowie Restruk­tu­rie­rungen. Mön­ning gilt bun­des­weit als einer der renom­mier­testen Insol­venz­ver­walter. So gehörte er ver­schie­denen Regie­rungs­kom­mis­sionen sowohl auf Bundes- als auch auf Län­der­ebene an. Von Juni 2013 bis Januar 2014 fun­gierte er als Insol­venz­ver­walter der Ale­mannia Aachen GmbH und führte das Ver­fahren erfolg­reich zu Ende. Die Ale­mannia war ent­schuldet und saniert. Rolf-Dieter Mön­ning lebt in Aachen und war bereits in den 80er Jahren Mit­glied des Ver­wal­tungs­rates der Alemannia.