Die Kritik an der Ale­mannia-Füh­rung wurde lauter. Sie würde auf stumm schalten, die Kom­mu­ni­ka­tion mit den Fans noch nicht einmal als läs­tige Pflicht­übung begreifen und abtau­chen. Zeit, beim neuen Geschäfts­führer nach­zu­fragen. Und siehe da: Martin Bader erwies sich als äußerst gesprächs­be­reit und aus­kunfts­freudig. Aber er scheute sich auch nicht, den Stöpsel zu ziehen, uns die schwarz-gelbe Brille von der Nase zu reißen und uns auf den harten Boden der Wirk­lich­keit zu schubsen.

Ihre Kar­riere fand bisher in höheren Ligen statt. Warum jetzt ein Viertligist?

Nach meiner Zeit in Kai­sers­lau­tern hatte ich mich selbst­ständig gemacht und war damit auch zufrieden. Aber wenn man 25 Jahre lang für Mann­schaften ver­ant­wort­lich war, dann fehlt einem anschei­nend irgend­wann diese Span­nung von Wochen­ende zu Wochen­ende. Etwas gestalten zu können und das Ergebnis der Arbeit schon kurz­fristig sehen zu können. Ich habe gemerkt, dass ich nicht ein­fach auf der Couch sitzen und unbe­tei­ligt Fuß­ball gucken konnte. Mir hat der direkte Bezug gefehlt.

Das erklärt aber noch nicht, warum man sich vor dem Hin­ter­grund einer sol­chen Lauf­bahn für die vierte Liga entscheidet.

Sicher stand die Regio­nal­liga nicht ganz oben auf meiner Agenda. Zudem hatte ich mir auf­grund meiner Erfah­rungen in Kai­sers­lau­tern fest vor­ge­nommen, vor einem neuen Enga­ge­ment etwas genauer hin­zu­schauen. Hier in Aachen bot sich mir die Mög­lich­keit, das Sport­ma­nage­ment mit der kom­pletten kauf­män­ni­schen Ver­ant­wor­tung ver­knüpfen zu können. Ich habe dann bei dem einen oder anderen nach­ge­hakt, wie Ale­mannia Aachen tickt. Bei Jörg Schmadtke, zum Bei­spiel. Und alle haben mir ver­mit­telt, dass die Rah­men­be­din­gungen eigent­lich sehr gut seien. Mir wurde klar, dass die Ale­mannia eine span­nende und her­aus­for­dernde Auf­gabe sein würde. Mit gewissen Risiken, aber eben auch mit Chancen.

Wie stellen sich Ihnen die Rah­men­be­din­gungen denn dar?

Erfolgs­fak­toren im Fuß­ball sind grund­sätz­lich die Größe der Stadt, die Infra­struktur rund ums Sta­dion, die Fan­basis und selbst­ver­ständ­lich das wirt­schaft­liche Poten­zial. Die ersten drei Fak­toren sind bei der Ale­mannia vollauf gegeben. Das wirt­schaft­liche Poten­zial ist in der aktu­ellen Situa­tion über­schaubar. Aber im Gegen­satz zu Ver­einen mit einer ähn­li­chen DNA, wie zum Bei­spiel Kai­sers­lau­tern, hat die Ale­mannia kei­nerlei Ver­bind­lich­keiten. Man hat hier im Prä­si­dium und Auf­sichtsrat nach der zweiten Insol­venz offenbar sehr ver­nünftig gewirt­schaftet und ein brauch­bares Fun­da­ment gelegt.

„Ich habe bestimmt nicht vor, mich dau­er­haft in der Regio­nal­liga einzugrooven.“

Den­noch: Berlin, Nürn­berg, Han­nover, Kai­sers­lau­tern. Ihre bis­he­rigen Auf­gaben waren von einer ganz anderen Grö­ßen­ord­nung. Haben Sie nicht die Befürch­tung, dass die Regio­nal­liga auf Dauer für Sie zu eng sein könnte?

Ich habe bestimmt nicht vor, mich dau­er­haft in der Regio­nal­liga ein­zu­g­rooven. Ich möchte schon die Mög­lich­keit sehen, etwas gestalten und ent­wi­ckeln zu können, was uns erfolg­rei­chen Fuß­ball beschert. Aber mir ist bewusst, dass dies unter den gege­benen Umständen kein kurz­fris­tiges Unter­fangen sein kann. Also müssen wir es erst einmal hin­be­kommen, dass die Ale­mannia wieder für etwas steht. Für etwas, das ihre Tra­di­tion ver­kör­pert. Für eine bestimmte Art des Fuß­balls. Damit die Men­schen den Verein wie­der­ent­de­cken wollen, obwohl wir den Blick zur­zeit nicht ganz nach oben richten können.

„Wir sind zur­zeit Mit­telmaß in der Regio­nal­liga. Punkt.“

Kann das rei­chen? Zählt nicht am Ende des Tages selbst an Tra­di­ti­ons­hoch­burgen wie Kai­sers­lau­tern und Aachen nur der sport­liche Erfolg? In Kai­sers­lau­tern ist eigent­lich nichts anderes als der Auf­stieg zu ver­mit­teln. Und in Aachen wird Erfolg min­des­tens über den Kon­takt zu den Auf­stiegs­plätzen definiert.

Wir müssen dieses wirk­lich­keits­ferne Anspruchs­denken in Aachen auf­bre­chen. Wir sind zur­zeit Mit­telmaß in der Regio­nal­liga. Punkt. Und zwar nicht durch einen dummen Zufall oder dank böser Mächte. Son­dern haus­ge­macht. Zur­zeit haben wir fünf bis acht Mann­schaften in der Liga, deren wirt­schaft­liche Mög­lich­keiten ungleich größer sind und die weiter sind als die Ale­mannia. Und ich bin halt Fan davon, solche Rea­li­täten zu benennen und nicht mit großen Sprü­chen Wol­ken­ku­ckucks­heime auf­zu­bauen. Ich werde also einen Teufel tun und laut ver­künden, dass wir dann oder dann auf­steigen werden. Wir werden aber sehr wohl ver­su­chen, das eine oder andere Aus­ru­fungs­zei­chen zu setzen. Im Sport­li­chen wie im Wirtschaftlichen.

Glauben Sie, dass sie mit der bloßen Restau­rie­rung der Iden­ti­fi­ka­tion eine sicher­lich not­wen­dige Euphorie ent­fa­chen können? Bei den Fans ebenso wie bei den Sponsoren?

Was bleibt uns aktuell denn anderes übrig? Wenn man uns die wirt­schaft­li­chen Mög­lich­keiten prä­sen­tieren würde, die Ober­hausen, Münster, Wup­pertal haben, dann könnten wir uns auch andere Erwar­tungen leisten. Über Essen und die Zweit­ver­tre­tungen will ich erst gar nicht sprechen.

Wir sind uns doch einig, dass die Ale­mannia mög­lichst schnell dem Mit­telmaß ent­kommen muss. Um das Wirk­lich­keit werden zu lassen, benö­tigt man Geld. Aber um Geld zu bekommen, darf man nicht Mit­telmaß sein. Ein Teufelskreis?

Es ist richtig, dass wir dem Mit­telmaß ent­kommen müssen. Aber weil die Bedin­gungen sind, wie Sie sie gerade skiz­ziert haben und die Dinge in Aachen sind, wie sie sind, funk­tio­niert das nicht über Nacht. Also lasst uns doch mal Rea­lismus walten lassen! Alles andere ist alter­na­tivlos. Wir werden keine Mann­schaft zusam­men­stellen können, die den Anspruch haben muss, oben mit­zu­zu­spielen. Wir werden aber eine Mann­schaft haben, die eine gute Saison spielt und hier und da positiv über­rascht. Und mit der man auf Strecke etwas anfangen kann. Nur das darf unser erstes Ziel sein. Und dann kann es weitergehen.

„Die Men­schen sollen mit der Mann­schaft etwas anfangen können.“

Mit was wollen Sie die Men­schen denn kurz­fristig für die Ale­mannia begeis­tern, wenn es schon nicht der sport­liche Erfolg sein kann?

Ver­stehen Sie mich nicht falsch. Wir for­dern den Ehr­geiz, das Maxi­male errei­chen zu wollen, vom ersten Tag an ein. Das müssen wir unge­achtet der Pro­bleme, die wir haben, von Allen ver­langen können. Wir wollen also schon mit einer ehr­gei­zigen Mann­schaft erfolg­rei­chen Fuß­ball spielen und maxi­male Ergeb­nisse erzielen. Die Mann­schaft soll so auf­treten, dass die Leute auch bei einem Unent­schieden zufrieden den Tivoli ver­lassen. Die Men­schen sollen mit der Mann­schaft etwas anfangen können. Sie sollen davon über­zeugt sein, wieder mit Spaß zum Tivoli gehen zu können, auch wenn ein Auf­stieg nicht ins Visier genommen werden kann. Weil man sich mit der Mann­schaft iden­ti­fi­zieren kann. Weil die Art Fuß­ball zu spielen, Spaß macht. Weil die Men­schen sehen können, dass sich hier etwas kon­se­quent wei­ter­ent­wi­ckelt. Unab­hängig davon, ob sich diese Ent­wick­lungs­phase über Jahre hin­zieht. Mehr kann man zur­zeit nicht anstreben. Höhere Ziele sind unrealistisch.

„Mit Essen, Münster, Ober­hausen oder Wup­pertal können wir nicht mithalten.“

Müssen wir unsere Ansprüche also her­un­ter­schrauben und lernen, den sport­li­chen Erfolg kurz­fristig als zweit­rangig einzustufen?

Ich wie­der­hole mich. Mit Ver­einen wie Essen, Münster, Ober­hausen, Wup­pertal oder den Zweit­ver­tre­tungen der Bun­des­li­gisten können wir nicht mit­halten. Deren wirt­schaft­liche Potenz ist um min­des­tens 25 bis 30 Pro­zent größer als unsere. Also müssen wir Erfolg für uns im Moment anders defi­nieren. Aller­dings müssen wir ver­su­chen, diese Lücke zu schließen.

Sie for­mu­lieren also kein kon­kretes Ziel für die kom­mende Saison?

Ich kann dann Ziele for­mu­lieren, wenn wir unsere Haus­auf­gaben gemacht haben. Also dann, wenn wir die finan­zi­ellen Mög­lich­keiten kon­kre­ti­siert haben und daraus resul­tie­rend der Kader steht. Von mir aus können wir im August gerne über kon­krete Ziele spre­chen. Momentan ver­fügen wir über einen Etat, der uns erlaubt, über einen Platz im Mit­tel­feld der Liga zu reden.

„Es wird Zeit ein­zu­sehen, dass es andere Ver­eine besser machen.“

Glauben Sie wirk­lich, dass dies in Aachen ver­mit­telbar ist?

Noch­mals, was ist die Alter­na­tive? Seit sieben oder acht Jahren spricht man hier von der Rück­kehr in den bezahlten Fuß­ball. Und seit sieben oder acht Jahren schei­tert man an diesem Anspruch. Also wird es einmal Zeit, ein­zu­sehen, dass es andere Ver­eine anschei­nend ein­fach besser machen und man des­halb die eigenen Ansprüche den Rea­li­täten anpassen muss. Denn der Name und das Sta­dion allein bringen ja noch keine Punkte. Um Ihre Frage zu beant­worten: Ja, ich glaube schon, dass wir die Leute auf unseren Weg einer lang­fris­tigen Ent­wick­lung mit­nehmen können. Dieser muss nur sichtbar, kon­ti­nu­ier­lich, nach­haltig und damit glaub­würdig sein.

Kennen die poten­zi­ellen Spon­soren denn bereits diese neue Bescheidenheit?

Ich habe wäh­rend der ver­gan­genen Wochen einen Groß­teil meiner Zeit damit ver­bracht, mich bei unseren Part­nern vor­zu­stellen, unsere Ziele zu erläu­tern und Visionen zu trans­por­tieren. Abzu­klopfen, wer denn über­haupt bereit ist, uns wei­terhin zu unter­stützen. Denen muss ich immerhin den vierten Neu­an­fang ver­kaufen. Das ist nicht zu unter­schätzen. Denn das haben die nun schon ziem­lich oft gehört. Aber von den bestehenden Spon­soren hat mir die Mehr­zahl ver­deut­licht, uns auch wei­terhin unter­stützen zu wollen.

Mit wel­chem Spor­t­etat können Sie denn rea­lis­ti­scher­weise Stand heute planen? Und um wie­viel höher müsste der Etat denn aus­fallen, um mit den von Ihnen genannten besser daste­henden Ver­einen mit­halten zu können?

Wir stellen uns darauf ein, dass der Etat Corona bedingt unter dem der ver­gan­genen Sai­sons liegen wird. Zum Ver­gleich: Ober­hausen plant mit 1,5 Mil­lionen Euro. Das sind immerhin etwa 15–20 Pro­zent mehr als uns aktuell für die kom­mende Spiel­zeit zur Ver­fü­gung steht. Damit lassen sich Spieler einer gewissen Güte­klasse schon deut­lich leichter zu einer Ver­trags­un­ter­schrift bewegen. Und die Mög­lich­keiten in Essen, Münster und bei den Zweit­ver­tre­tungen sind noch einmal ganz andere. Wir müssen dem­nach gar nicht ver­su­chen, in deren Regale zu greifen.

„Wir können nur mit dem Geld planen, das wir sicher einnehmen.“

Das klingt alles nach sehr viel Ungewissheit.

Gerade die jüngste Zeit mit der Pan­demie hat uns doch ganz deut­lich vor Augen geführt, wie fragil ein Verein ohne wirt­schaft­liche Sub­stanz sein kann. Sicher arbeitet es sich ein­fa­cher, wenn man Rück­lagen besitzt. Oder einen Mäzen, Gönner oder ein Investor im Rücken hat, der noch mal etwas auf den Etat legt, wenn es Not tut. So wie viel­leicht in anderen Ver­einen in der Regio­nal­liga. Haben wir aber nicht. Also können wir nur mit dem Geld planen, das wir sicher ein­nehmen. Und selbst das ist viel Glas­ku­gel­lesen. Können Sie mir sagen, ob wir im Schnitt 4.000, 5.000 oder 6.000 Zuschauer begrüßen können? Nein. Das kann keiner seriös voraussagen.

Aber das kann doch kein Dau­er­zu­stand sein, wenn man zumin­dest auf lange Sicht der Viert­klas­sig­keit ent­kommen will.

Des­halb muss die Ver­bes­se­rung der wirt­schaft­li­chen Sub­stanz eine unserer Kern­auf­gaben sein. Wir müssen hier ent­spre­chende Kon­zepte entwickeln.

Wie sollen die aus­sehen? Daran haben sich schon etliche Ver­ant­wort­liche erfolglos ver­sucht. Wie wollen Sie zum Bei­spiel ange­sichts der neuen sport­li­chen Beschei­den­heit das Spon­so­ring­auf­kommen erhöhen?

Rea­lismus hat nichts mit sport­li­cher Beschei­den­heit zu tun. Wir wollen eine inter­es­sante junge Mann­schaft mit Kon­ti­nuität zusam­men­stellen und dadurch auch Fans und Spon­soren über­zeugen, dass sich dann sport­li­cher Erfolg nach­haltig ein­stellen kann. Dar­über hinaus müssen wir über wei­tere Ein­nah­me­mög­lich­keiten nachdenken.

„Mit einem fremden Investor von außen würde ich mich schwertun.“

Müssen wir nicht über den Ein­stieg eines Inves­tors spre­chen. Ist das nicht zwangs­läufig der Weg, den die Ale­mannia gehen muss, um nach vorne zu kommen?

Nicht auf Teufel komm raus. Das macht nur dann Sinn, wenn das Enga­ge­ment eine gewisse Logik für den Verein und den Investor hat und somit für beide Seiten einen Gewinn bedeutet. In Hof­fen­heim macht die Geschichte für Verein und Geld­geber glei­cher­maßen Sinn. In Uer­dingen hat es meiner Mei­nung nach gar keinen Sinn gemacht. Zumin­dest nicht für den Club. Sollten sich in Aachen bei­spiels­weise Unter­nehmen aus der Region zusam­mentun, wie es in Bie­le­feld geschah, dann würde ich das sehr begrüßen. Sollte irgendein Fremder von außen kommen, würde ich mich schwertun. Das würde aus meiner Sicht hier nicht funk­tio­nieren. Außerdem muss von Vorn­herein fest­stehen, dass sich ein poten­ti­elles Enga­ge­ment nicht allein auf die erste Mann­schaft bezieht. Es muss immer dem gesamten Club zugu­te­kommen. Der Infra­struktur, der Nach­wuchs­ar­beit. Es muss die Ale­mannia als Ganzes auf das gewollte Niveau heben. Und das unbe­dingt nach­haltig. Alles andere wäre zu ris­kant. Und last but not least darf es nie­mals die 50+1‑Regelung unter­graben. Von dieser bin ich ein großer Anhänger.

Wie gehen Sie ange­sichts all der von Ihnen plas­tisch beschrie­benen wirt­schaft­li­chen Ein­schrän­kungen bei der Kader­pla­nung vor?

Wir wollen kreativ sein. Patrick Helmes, Kris Andersen und ich sind uns einig, dass wir mit einem kleinen Kader arbeiten wollen. Wir setzen stark auch auf junge Spieler, die sich noch ent­wi­ckeln können. Uns schwebt eine Mann­schaft vor, deren Kern mal zwei bis drei Jahre erhalten bleibt, ohne große Umbrüche ver­kraften zu müssen.

„Bei den Spie­lern müssen wir mit anderen Dingen punkten als dem Finanziellen.“

Aber was können Sie Spie­lern mit Poten­zial denn bieten, um sie für einen Verein mit derart ein­ge­schränkter Wirt­schaft­lich­keit zu begeistern?

Uns ist klar, dass wir bei den Spie­lern in erster Linie mit anderen Dingen als dem Finan­zi­ellen punkten müssen. Wir wollen Spieler über­zeugen, die die Chance begreifen, bei der Ale­mannia den nächsten Schritt machen und sich ent­schei­dend wei­ter­ent­wi­ckeln zu können. Ober­li­ga­spieler mit Poten­zial zum Bei­spiel, für die es die nächste logi­sche Her­aus­for­de­rung ist, in einer höheren Klasse zu spielen. Und diese Spieler sollen ver­stehen, dass dies in Aachen besser gelingen kann als an den meisten anderen Stand­orten. Denn wenn man es in Aachen gut macht, wird das immer noch anders bewertet als bei anderen Ver­einen. Sie sollen davon über­zeugt sein, dass der Trainer gut ist und sie besser macht. Sie sollen Aachen inter­es­sant finden, weil die Art des Fuß­balls attraktiv ist, weil die Infra­struktur außer­ge­wöhn­lich gut ist, weil die Fan­un­ter­stüt­zung sen­sa­tio­nell ist. Matti Cebulla hat das alles sehr schnell begriffen.

Ihr Blick richtet sich bei der Zusam­men­stel­lung des neuen Kaders dem­nach vor­nehm­lich in Rich­tung Oberliga?

Auch. In unserem Fokus steht zudem unsere eigene U19. Des­halb spre­chen wir zum Bei­spiel intensiv mit Aldin Der­vi­sevic, wohl­wis­send, dass der bereits bei anderen Clubs auf dem Zettel steht. Ins­ge­samt wollen wir regel­mäßig bis zu vier Spie­lern aus der U19 die Chance geben, sich in der Vor­be­rei­tung zu zeigen. Dar­über hinaus planen wir mit einigen Erfah­renen aus dem aktu­ellen Team. Und bei Bedarf auch mit dem ein oder anderen externen Erfah­renen aus der Regio­nal­liga. Gene­rell glaube ich nicht, dass es sinn­voll ist, zu viele Spieler zu ver­pflichten, die bereits meh­rere Regio­nal­li­ga­s­ta­tionen hinter sich haben. Doch am Ende muss jede Ver­pflich­tung eine gewisse Logik besitzen. Zum Bei­spiel indem sie dem Trainer Alter­na­tiven für sein System schafft. Inso­fern werden wir nichts von Vorn­herein ausschließen.

„Wir wollen keinen grund­sätz­li­chen Umbruch.“

Sie haben immer betont, dass Sie gerne mit einem Teil des bis­he­rigen Per­so­nals ver­län­gern würden. Obwohl die Truppe nicht wirk­lich funk­tio­niert hat. Wäre ein spür­barer Schnitt nicht besser?

Nein. Wir wollen keinen grund­sätz­li­chen Umbruch. Weil so etwas nicht gesund ist. Die Erfah­rung hat mich gelehrt, dass sich ein Ent­wick­lungs­pro­zess in der Regel um ein Jahr ver­län­gert, wenn man nur 30 bis 40 Pro­zent eines Kaders erneuert. Das würden wir uns gerne ersparen. Des­halb würde ich gerne mit acht bis zehn Spie­lern des bestehenden Kaders wei­ter­ar­beiten. Aber ich kann nicht sagen, ob uns das gelingt. Hier kommt wieder die wirt­schaft­liche Ver­nunft ins Spiel. So hätten wir zum Bei­spiel Nick Galle gerne behalten. Da mussten wir leider passen.

Sie werden die Regio­nal­liga und schon gar nicht die Ober­ligen so gut kennen, wie Sie sich in den höheren Klassen aus­kennen. Ande­rer­seits ver­fügt die Ale­mannia zwangs­läufig über keine breit auf­ge­stellte Scou­ting­ab­tei­lung. Wie kann da die Iden­ti­fi­zie­rung geeig­neter Nach­wuchs­kräfte gelingen?

Zum einen wäre etwas ver­kehrt gelaufen, wenn ich nach nun 25 Jahren im Geschäft nicht über ein gut gefülltes Adress­buch und ein ver­nünf­tiges Kon­takt­netz ver­fügen würde. Und diese Kon­takte haben nicht nur Spieler für die erste oder zweite Liga in ihrem Blick­feld. In Nürn­berg haben wir auch viele Spieler aus zwei Ligen unter uns geholt. Mit Erfolg. Weil unser Kon­takt­netz funk­tio­nierte. Zum zweiten bin ich dankbar, mich auf Jörg Lau­fen­berg ver­lassen zu können. Der kennt nun wirk­lich fast jeden Spieler und Verein in jeder Liga in- und aus­wendig. Kris Anderson ist eben­falls sehr gut ver­netzt. Und Patrick Helmes hat auch schon in der Regio­nal­liga gear­beitet und hat da seine Ver­bin­dungen. Nein, das Scou­ting bereitet uns wirk­lich keine schlaf­losen Nächte.

In der Öffent­lich­keit wird Kritik laut, die Kader­zu­sam­men­stel­lung ginge zu träge voran. Die Kon­kur­renz sei viel weiter und laufe uns davon.

Ich bin am 1. März gekommen und habe erst seitdem Ein­drücke sam­meln können. Dann mussten wir einen Trainer finden. Seitdem arbeiten wir mit Hoch­druck an der Kader­zu­sam­men­stel­lung. Schluss­end­lich kann man eine seriöse Kader­pla­nung jedoch erst dann betreiben, wenn man weiß, wel­chen Etat man zur Ver­fü­gung hat. Jetzt kennen wir alle Para­meter und arbeiten. Doch ich ver­si­chere Ihnen, dass wir zum Trai­nings­auf­takt in sechs bis sieben Wochen den Kader größ­ten­teils zusammen haben werden. Unge­achtet dessen, dass wir nicht jeden Tag eine Was­ser­stands­mel­dung abgeben können.

„Regio­nal­li­ga­spieler haben alle ein mehr oder weniger großes Fra­ge­zei­chen über dem Kopf.“

An wel­chen Stell­schrauben wollen und müssen Sie im Hin­blick auf das Team drehen? Wel­chen Spie­ler­typus benö­tigt die Ale­mannia unbedingt?

Regio­nal­li­ga­spieler haben alle ein mehr oder weniger großes Fra­ge­zei­chen über dem Kopf. Den per­fekten Fuß­baller findet man in diesen Gefilden eher nicht. Also schauen wir nach ein oder zwei Attri­buten und Fähig­keiten, die für uns inter­es­sant sind. Zum Bei­spiel, wenn einer groß ist und ein gutes Kopf­ball­spiel hat. Oder wenn jemand schnell oder spiel­stark ist. Oder wenn da einer ist, der beson­ders aus­dau­ernd und zwei­kampf­stark ist. So grenzen wir das ein. Dabei sind das System des Trai­ners, die Anfor­de­rungen an den Spieler für die beschrie­bene Posi­tion sowie die wirt­schaft­liche Mach­bar­keit wich­tige Parameter.

Sie werden aber doch Posi­tionen iden­ti­fi­ziert haben, auf denen unbe­dingt Ver­bes­se­rungs­po­ten­zial besteht.

Nahezu alle Posi­tionen sind in der Prü­fung. Ein Augen­merk wollen wir auf die defen­sive Sta­bi­lität legen. Hierzu benö­tigen wir unter anderem gestan­dene Innen­ver­tei­diger mit jungen Nach­wuchs­spie­lern als Backup. Wir wollen junge, schnelle Außen­ver­tei­diger holen, die in meh­reren Sys­temen ein­setzbar sind. Ebenso einen Sechser mit Erfah­rung sowie junge Mit­tel­feld­spieler für meh­rere Posi­tionen. Dann stehen noch spiel­starke schnelle Außen­spieler auf unserem Zettel. Zudem hätten wir gerne in der Offen­sive, ent­wick­lungs­fä­hige Spieler als Ergän­zung für Hamdi Dah­mani. Das sind die Bau­stellen und unsere hof­fent­lich zu rea­li­sie­rende Wunschkonstellationen.

„Marco Müller und Matti Cebulla hatten für uns erste Priorität.“

Und welche Prio­ri­täten setzen Sie bei der Ver­län­ge­rung aus­lau­fender Verträge?

Marco Müller und Matti Cebulla hatten für uns aus unter­schied­li­chen Erwä­gungen heraus erste Prio­rität. Matti Cebulla steht für das, was wir hier sehen wollen. Der lässt sein Herz auf dem Platz, läuft, hängt sich rein, ist positiv auf dem Trai­nings­ge­lände und in der Kabine. Marco Müller ist gut aus­ge­bildet und kann auf ver­schie­denen Posi­tionen ein­ge­setzt werden. Und er bringt eine unglaub­liche Iden­ti­fi­ka­tion mit diesem Verein mit. Man merkt ihm bei allem, was er tut, an, dass der es ein­fach toll hier findet. Auch Joshua Mroß war für uns eine Per­so­nalie mit Vor­rang. Selbst­ver­ständ­lich führen wir mit wei­teren Spie­lern unseres aktu­ellen Kaders eben­falls Gespräche. Aber immer auch mit der Idee im Hin­ter­kopf, Alter­na­tiven zu prüfen.

Auch mit Peter Hacken­berg und Alex­ander Heinze?

Ich sagte ja bereits, dass wir unter Abwä­gung der Alter­na­tiven, des Spiel­sys­tems von Patrick Helmes sowie der wirt­schaft­li­chen Mög­lich­keiten, uns in alle Rich­tungen Gedanken machen. Franko Uzelac hat noch Ver­trag. Also fehlen noch Spieler.

Jetzt wei­chen Sie aber aus. Zu Peter Hacken­berg und Alex­ander Heinze wollen Sie sich also nicht kon­kret äußern?

Gene­rell möchte ich zu ein­zelnen Spie­lern keine Zwi­schen­mel­dungen geben. Aber beide gehören sicher­lich zu den Spie­lern, die wir nicht zuletzt auf Grund ihrer Ver­dienste in unsere Über­le­gungen einbeziehen

„Die Mann­schaft war kein Team.“

Nomi­nell scheint die aktu­elle Mann­schaft besser besetzt zu sein als es deren Auf­tritte und Abschneiden wider­spie­geln. Können Sie den Ver­such einer Erklä­rung für eine derart miss­ra­tene Saison wagen?

Als ich hier ankam, habe ich eine Mann­schaft vor­ge­funden, die extrem ver­un­si­chert war. In der eine enorme Unruhe herrschte. Die aus zu vielen Ein­zel­spie­lern bestand, aber kein wirk­li­ches Team war. Da schienen eine Menge Fak­toren eine Rolle zu spielen. Auf die will ich jedoch hier nicht näher ein­gehen, weil ich zu dieser Zeit nicht dabei war. Zudem besaßen nur vier der Spieler einen Ver­trag über die Saison hinaus. Der Rest wusste nicht, wie die beruf­liche Zukunft und damit die Exis­tenz aus­sehen würde. Da kommen grund­le­gende Fragen auf einen zu: Muss ich mich arbeitslos melden? Muss ich die Kita kün­digen? Das macht etwas mit einem jungen Men­schen. Das kostet Pro­zente und ist am Ende leis­tungs­hem­mend. Also haben wir direkt einige kon­krete Maß­nahmen ergriffen, um etwas Ruhe in die Truppe zu bringen. Wir haben einen neuen Mann­schaftsrat wählen lassen. Der besteht jetzt aus Alex­ander Heinze, Joshua Mroß und Hamdi Dah­mani. Mit denen habe ich alle Themen rund um die Mann­schaft bespro­chen. Dann haben wir zum Bei­spiel eine neue Punkt­prä­mi­en­re­ge­lung und einen Stra­fen­ka­talog ein­ge­führt. Und vor allem küm­mern wir uns sehr intensiv um Vertragsverlängerungen.

Die Mann­schaft ist das eine. Der Trainer ist ein wei­terer wich­tiger Bau­stein. Patrick Helmes hatte eigent­lich keiner auf der Rechnung.

Spielt das eine Rolle? Wichtig ist, dass er Fuß­ball­lehrer ist, zu uns und zu dem, was wir vor­haben, passt und begeis­tern kann. Das bedeutet zunächst einmal, dass er gewillt ist, unseren Weg einer län­ger­fris­tigen Pla­nung mit­zu­gehen und nicht schon für seine erste Saison einen Auf­stiegs­kader ver­langt. Denn das funk­tio­niert hier nicht. Außerdem sollte er die Regio­nal­liga schon einmal ken­nen­ge­lernt haben. Und er muss die Art Fuß­ball ver­kör­pern, die uns vor­schwebt, um den Men­schen Spaß zu bereiten. Näm­lich aktiven und inten­siven Fuß­ball, basie­rend auf einer hohen kör­per­li­chen Prä­senz. Mit dem sicht­baren Willen, den Ball haben und mar­schieren zu wollen und am Ende erfolg­reich zu sein. Und genau so wurde Patrick Helmes geprägt und hat das bereits bei seinen Sta­tionen prak­ti­ziert. Jörg Schmadtke und Felix Magath haben mir beide unab­hängig von­ein­ander bestä­tigt, dass Patrick dafür der rich­tige Trainer ist.

In diesem Gespräch spre­chen Sie aus­führ­lich und detail­liert über die kurz- bis mit­tel­fris­tigen Pla­nungen. Das hätte man sich schon viel früher gewünscht. Warum ist die Ale­mannia vor ihrer zah­lenden Kli­entel in den ver­gan­genen Wochen derart abge­taucht, anstatt sie in schwie­rigen Zeiten mitzunehmen?

Anders­herum. Warum hat man uns nicht gefragt? Nein, im Ernst. Ob in Nürn­berg, Han­nover oder selbst in Kai­sers­lau­tern. Ich war es gewohnt, dass der Verein und die han­delnden Per­sonen von derart großem Inter­esse sind, dass sich an jedem Tag der Woche min­des­tens ein Jour­na­list bei mir gemeldet hat, um etwas von mir zu hören. Ich musste erst lernen, dass das in Aachen nicht so ist. Und ich bin eigent­lich nicht der Typ, der sich von sich aus ins Gespräch bringen will. Ich arbeite lieber.

Aber der Dialog ist keine Hol­schuld des Fans. Man kann pro­aktiv han­deln. Gerade in Zeiten, in denen der Kon­takt zwi­schen der Öffent­lich­keit und dem Verein ohnehin deut­lich erschwert ist. Ver­eine, wie zum Bei­spiel Ober­hausen, haben es vorgemacht.

Sie haben ja Recht. Ich kann die Kritik nach­voll­ziehen. Wir tau­chen zu wenig auf. Grund­sätz­lich sollte man Kom­mu­ni­ka­tion anders hand­haben als es hier in der Ver­gan­gen­heit prak­ti­ziert wurde.

„Hier muss Jede und Jeder alles machen.“

Wir werden also dem­nächst regel­mä­ßiger etwas von der Ale­mannia hören.

Wir werden ver­su­chen, uns auch in diesem Bereich zu ver­bes­sern. Aber auch hier müssen wir uns an den Rea­li­täten ori­en­tieren. Wer soll es machen? Das Enga­ge­ment der Mit­ar­beiter ist bei der Ale­mannia sen­sa­tio­nell. So etwas habe ich woan­ders kaum erleben dürfen. Aber sie arbeiten am Anschlag. Weil sie, wie unter anderem Lutz van Has­selt, 24/7 für den Verein im Ein­satz sind. Und das nicht selten für geringe Ent­loh­nung. Es gibt kaum Job­be­schrei­bungen oder Zustän­dig­keiten. Hier muss Jede und Jeder alles machen. Ansonsten würde der Verein aber auch gegen die Wand fahren. Susanne Czennia, zum Bei­spiel, ist uner­setz­lich. Ein Jörg Lau­fen­berg scoutet, macht Video­ana­lysen, unter­stützt die Trainer und mich bei der Ana­lyse des Kaders sowie der Kader­pla­nung, bestellt das Essen für die Mann­schaft und orga­ni­siert den Bus und schreibt nebenbei Pres­se­mit­tei­lungen. Und genauso sind die Mit­ar­beiter und Mit­ar­bei­te­rinnen der Mar­ke­ting– und PR-Abtei­lung wie alle hier Tätigen rund um die Uhr unter­wegs. Dass da etwas auf der Strecke bleibt, ist zwangs­läufig. Das ist nicht gut. Aber wir müssen es hin­nehmen. Doch auf Sicht müssen wir auch in diese Abläufe Struktur hin­ein­bringen, um im Ganzen besser zu werden. Auch im regel­mä­ßigen Dialog mit unseren Fans und Sponsoren.

Herr Bader, wir danken Ihnen für das Gespräch.