Als die Tomaten fliegen lernten

Wenn sie in Rudeln durch die Straßen zogen, wichen Passanten zurück. Ihre promilleträchtigen Auftritte mit wilden Schlachtgesängen sorgten für ein Gefühl zwischen Abscheu und Verwunderung. Sie waren die Vorreiter einer neuen Fußballsubkultur. Auch in Aachen. Wo aber kamen die ersten schwarz-gelben Fanklubs her? Und wo sind sie hin?
Foto: Imago

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Die Idee, den Lieblingsverein in organisierter Form mit Gleichgesinnten zu unterstützen, ist nicht in Deutschland geboren worden. Natürlich nicht. Wie bei so vielen Dingen rund um das Leder lag der Ursprung im Mutterland des Fußballs. Bereits Ende der Fünfziger Jahre traten auf der Insel erste so genannte „Supporter Clubs“ in Erscheinung.

Es dauerte über ein Jahrzehnt, ehe diese Welle auch ins Land der Krauts hinüberschwappte. Zuallererst schlug sie über dem Ruhrpott zusammen, genauer gesagt über Bochum. Dem englischen Vorbild folgend, schlossen sich Anhänger des dort ansässigen VfL im Jahr 1972 zum ersten Fanklub Fußballdeutschlands zusammen: den „Bochumer Jungen“. Schlicht und ergreifend.

Im Vergleich zu heutigen Kreationen nahezu phantasielos. Aber immer noch geistreicher als das, was Aachens Fanklubpioniere zu Wege brachten. Deren Geschichte beginnt im Jahr 1976. Ein Jahr voller Höhepunkte: Mit Kai Michalke erblickte ein weiterer Bochumer Junge das Licht der Welt. Uli Hoeness jagte den Ball vom Elfmeterpunkt in den Belgrader Nachthimmel. Und Norbert Metzen, in Aachener Fankreisen und späteren Jahren nicht immer unumstritten, hob den ersten Alemannia Aachen Fanklub aus der Taufe. Mit einer guten Handvoll an Mitgliedern ging es los. Jetzt fehlte nur noch ein möglichst bedeutungsschwangerer Name. Der erste Vorschlag war gleich der beste: „Alemannia Aachen Fanklub“ Wunderbar. Da weiß man, was man hat.

Diese wilden Tage, als Aachen am Rio de la Plata lag
Foto: Horstmüller

Hell’s Angels im Gartenbauverein

Überall in der Nation waren mittlerweile Fanklubs wie Pilze aus dem Boden geschossen. Fußballbegeisterte Jugendliche fanden quer durch die Republik zusammen, um ihre Begeisterung in mehr oder minder formellen Vereinigungen zu teilen. Sie gaben sich Satzungen und Symbole, bastelten Fahnen und ließen Aufnäher produzieren, die sie als Dokumentation der Zusammengehörigkeit stolz auf ihren Jeanswesten trugen. Eine bizarre Mischung aus spießiger Vereinsmeierei und jugendlich wilder Subkultur. Die Hell’s Angels in Papas Gartenbauverein, sozusagen. Wobei die Rocker überwogen. Ausgezogen, um mehr Stimmung in die Stadien zu bringen, brachten die Fanklubs noch etwas anderes mit: Gewalt, oder zumindest die Bereitschaft dazu. Bald schon wurden die Medien auf sie aufmerksam. Verständnislos schüttelte die Öffentlichkeit mit dem Kopf.

Für rebellische Jugendliche und Jungerwachsene ein Anreiz mehr, so richtig auf die Pauke zu hauen. Auch der „Alemannia Aachen Fanklub“ ließ sich in der Beziehung nicht lumpen. Wenngleich seine Gewaltexzesse hauptsächlich unschuldiges Gemüse traf. Vor den Heimspielen des TSV sammelte man sich in der Metzen'schen Wohnung an der Bahnhofstraße und marschierte in voller Montur in Richtung Tivoli. Unterwegs deckte man sich noch schnell beim Gemüsehändler um die Ecke mit reichlich Tomaten ein, um sie ahnungslosen Passanten und Gästefans um die Ohren zu werfen. Angst und Schrecken eilten ihrem Namen voraus. Die Marx Brothers hätten ihre helle Freude gehabt.

Fünf Prozent Frauen: „Die Bläck Ichels aus Alsdorf-Mariadorf“

Eine deutliche Spur rabiater ging es bei den „Black Eagles“ zu, die im Jahr 1979 von Fans aus dem Bergbaustädtchen Alsdorf-Mariadorf ins Leben gerufen worden waren. Die „Eagles“, leicht zu erkennen an ihrem auf Kutten prangenden schwarzen Adler mit dem Alemannia-Wimpel in den Klauen, entwickelten sich rasch zu einer festen Größe des Würselener Walls. Innerhalb eines Jahres waren die Öcher Adler auf 65 eingeschriebene Mitglieder angewachsen. Eine selbst für heutige Verhältnisse beeindruckende Streitmacht. Und Streit war auch das, was sie suchten. Ihnen eilte der Ruf voraus, ein Haufen aggressiver, dem Alkohol frönender Rabauken zu sein, die sich bei jeder Gelegenheit mit Fans anderer Mannschaften schlugen.

In ihrer Stammkneipe, dem Lokal „Sevenig“ am Mariadorfer Dreieck, ging es vor Partien der Alemannia immer hoch her. Ein in Erwartung einer skandalträchtigen Enthüllungsgeschichte von den Aachener Nachrichten entsandter Spitzel wagte sich bis in die Höhle des Adlers. Er fand eine Szenerie wie auf einem Piratenschiff. Wände und Gläser zitterten unter der Wucht martialischer Schlacht- und Schmähgesänge: „Werder ist Scheiße!“, grölte es, und: „Wen woll’n wir verschmausen? - Rot-Weiß Oberhausen! Wen woll’n wir lynchen? - Bayern München!“ Auch fürs Auge war einiges geboten.

Lange Schals und kurze Shirts: Dress to excess
Foto: Zeitungsverlag Aachen

Lüdenscheider Discosturm

„Junge Leute in den abenteuerlichsten Aufmachungen belagern in Dreierreihen den Tresen: ein Farbenspektakel in Schwarz Gelb. Viele tragen das traditionelle Kartoffelkäfer-Trikot früherer Alemannenteams, fast obligatorisch sind ärmellose Jeansjacken mit Dutzenden von Vereinsaufnähern und Schals in den Clubfarben. Die ganz Verwegenen haben alle Bordüren der Oberbekleidung in Schwarz-Gelb gefaßt und tragen an den Handgelenken lange Flatterbänder“, beschrieb er später in seinem Artikel.

Kein Ultrà von heute würde sich im Outfit von damals auf die Straße wagen. Doch die „Eagles“ taten es. Vorsitzender dieses zumindest ästhetisch fragwürdigen Haufens war der damals 19-jährige Hans Kemper, der aus unerfindlichen Gründen von allen nur „Hugo“ gerufen wurde. Und Hugo wollte nichts von Vorwürfen wissen, dass sein Fanklub gewaltbereit sei. Im Gegenteil: Die „Eagles“ würden, behauptete er, Schlägereien nach Möglichkeit aus dem Weg gehen. Gelogen war das nicht. Aber auch nicht unbedingt die Wahrheit.

Was als Beleidigung oder Provokation galt, legte man je nach Stimmung und Alkoholpegel recht unterschiedlich aus. Und nicht selten waren es die „Eagles“ selbst, die provozierten.

Denn es galten eiserne Grundsätze: Wurde die Ehre des Fanklubs oder der Alemannia geschmäht, flogen die Fäuste. Was jedoch als Beleidigung oder Provokation galt, legte man je nach Stimmung und Alkoholpegel recht unterschiedlich aus. Und nicht selten waren es die „Eagles“ selbst, die provozierten: „In Lüdenscheid haben wir nach einem Auswärtsspiel mal eine Disco gestürmt“, erzählt Jupp Vonhoegen, seinerzeit Mitglied bei den „Black Eagles“. „Einer von uns zeigte sich dem Türsteher am Guckloch, die anderen warteten an der Seite. Als sich endlich die Tür öffnete, sind dann alle Mann reingestürmt.“

Wodurch sich in Lüdenscheid die Anzahl der Polizeieinsätze an diesem Tag um einen erhöhte. Auch gegnerische Fans kamen nicht ungeschoren davon. „Mal wurde ein gegnerischer Schal geklaut, mal eine Fahne verbrannt“, erinnert sich Thomas von Thenen. Der schlaksige Mann mit dem Pferdeschwanz hat einiges an Fanklubvergangenheit aufzuweisen. Zunächst Mitglied des „Alemannia Aachen Fanklub“, schloss er sich Ende der Siebziger Jahre den „Black Eagles“ an. Für gemeinsamen Spaß am Fußball.

Schließlich ging es den Adlern auch um den Sport. Ein wichtiges Motiv für die Gründung des Fanklubs war der gemeinsame Auftritt bei Auswärtsfahrten. Sich auswärts, dem Heimsupport trotzend, hinter der Zaunfahne zu versammeln, hatte etwas vom Flair eines Kreuzzuges, geführt von einem kleinen Haufen eingeschworener Krieger in Rüstung, der auf einer Anhöhe in Feindesland sein Banner aufpflanzt und den Rest der Welt herausfordert.

Fahrten nach Essen, Solingen oder zur Fortuna nach Köln gehörten zu den besonderen Höhepunkten des Fanlebens. Da war Anwesenheit Pflicht, denn diese Orte galten als konfliktreiche Brennpunkte. „Die Fanfreundschaft mit Union Solingen, von der manche immer wieder erzählen, ist eine Legende“, widerspricht Thomas von Thenen. „Die Sache war mehr auf Einzelpersonen reduziert. Eigentlich ging da immer die Post ab.“

Aggression und Krawall

Jedoch kannten die „Eagles“ Grenzen. Kam es zu Auseinandersetzungen, galten die ungeschriebenen Gesetze der Kirmesschlägerei. Wer zu Boden ging, wurde geschont. Der Gebrauch von Stichwaffen war verpönt. Die „Black Eagles“ waren also keine notorischen Schläger. Sie waren das, was in der Fachsprache der Polizei heute „Fans der Kategorie B“ genannt wird: in erster Linie an Fußball interessiert, aber durchaus bereit, Provokationen mit Gewalt zu beantworten. Und manchmal wurde eben unter dem Deckmäntelchen angeblicher Ehrverletzungen Aggressionen abgebaut. Anders die „Aachener Löwen“.

Dieser Fanklub, der seine Vereinskneipe am Blücherplatz hatte, war besonders gefürchtet. In ihren besten Zeiten brachten es die „Löwen“ auf rund 30 Mitglieder. Die Wahl des Fanklubnamens deutete die Einstellung an, die in ihrem Kreise gepflegt wurden. Die Aachener orientierten sich nämlich am Vorbild des HSV-Fanklubs „Die Löwen“, einer der aggressivsten Crews in der Hansestadt, die mit dem Tod des Werder-Fans Adrian Maleika in Verbindung gebracht wird.

Minipli, Vokuhila und Troublemaker-Gestus: Karussellbremser unter sich
Foto: Zeitungsverlag Aachen

Am 16. Oktober 1982 stand das Nordderby auf dem Programm. Maleika war auf dem Weg in die Gästekurve des Volksparkstadions, als er von einem Ziegelstein am Kopf getroffen zu Boden ging und von einer Gruppe Hamburger Fans so brutal zusammengetreten wurde, dass er einen Tag später in einem Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Der Deutsche Fußball hatte seinen ersten Toten durch Fangewalt.

Auch die Aachener Löwen waren vor allem auf eines aus: Krawall. Von Kirmesschlägerei und Gesetzen konnte bei ihnen keine Rede sein. „Das war eine echte Schlägertruppe“, urteilt Robert Jakobs, heute Fanbeauftragter der Alemannia. Zu Beginn der achtziger Jahre gehörten sie ohne Zweifel zu den gewaltbereitesten Fans der Aachener Szene. Wann und warum sie sich auflösten, ist nicht genau bekannt. Sie verschwanden einfach von der Bildfläche.

Die einzige Konstante

Formelle Auflösungen waren ohnehin selten. Die meisten Fanklubs starben in einem schleichenden Prozess, der meist mit einem sportlichen Rückschlag des Vereins oder der Aufspaltung in kleinere Gruppen begann. Im Mai 1981 verließ Thomas von Thenen zusammen mit Willy, einem ehemaligen Schalker, den es beruflich nach Aachen verschlagen hatte, die „Black Eagles“, da sie von den ständigen Prügeleien und den chaotischen Fanklubabenden schlicht genug hatten.

Im „Haus Schmitz“ in Herzogenrath-Straß fanden sie sich mit zehn Gleichgesinnten zur Gründung von „Schwarz-Gelb ’81“ zusammen, dem ältesten noch heute existierenden Fanklub im Umfeld der Alemannia. Die „Black Eagles“ verloren sich indes aus den Augen. „Irgendwann hat man sich halt nur noch gegrüßt“, meint Thomas von Thenen. Einige Adler sind in andere Landstriche geflogen. Andere finden sich noch heute regelmäßig in verschiedenen Blöcken auf dem Tivoli ein. Allerdings ohne Flatterbänder und Jeanswesten.

Nach dem Abstieg in die Oberliga 1990 lösten sich die meisten Fanklubs auf, die die Achtziger Jahre geprägt hatten. Bei vielen blieb nicht mehr als der Name in Erinnerung.

Längst Geschichte sind auch die „Grenzland Boys“. Als in den späten Achtzigern die rechte Szene Aachens den Versuch unternahm, die „Boys“ zu unterwandern und für ihre politischen Ziele zu instrumentalisieren, verließ eine größere Gruppe den Fanklub und fing unter dem Namen „United ’87“ von vorne an. „Vor Heimspielen trafen wir uns zum Vorglühen in einer Kneipe an der Hofmannspief“, erzählt das damalige Mitglied Alex Göbbels. „Mit Aufnähern und Zaunfahne hatten wir alles, was man als Fanklub so brauchte.“

Nur keine besonders lange Geschichte. Nach dem Abstieg in die Oberliga 1990 löste sich „United ’87“  bereits wieder auf. Wie die meisten Fanklubs, die die Achtziger Jahre geprägt hatten. Bei vielen blieb nicht mehr als der Name in Erinnerung: „Tivoli Tigers“, „Pink Panther“ oder die „Black Yellow Army“, bei der es sich in Wirklichkeit um eine stolze Ein-Mann-Armee handelte. Die Lücken, die sie hinterließen, füllten bald andere: „Öcher Jonge 1990“, „Nasty Boys“, „Westend Crew“, „Euregio Kings“, „Grenzland Gringos“ – zusammen mit „Schwarz-Gelb ’81“ bildeten sie die Korsettstange der Aachener Fanszene in der Oberliga- und Regionalligazeit. Zwar sind auch diese Fanklubs nicht mehr aktiv.

Doch die meisten ihrer früheren Mitglieder sind immer noch am Start, wenn irgendwo auf der Welt, ob in Aachen oder in Cottbus, in Deutschland oder Island der Schiedsrichter ein Spiel der Alemannia anpfeift. Von den Ur-„Supporter Clubs“ hat sich nur „Schwarz-Gelb ’81“ gehalten, die einzige wirklich konstante Größe in mehr als dreißig Jahren kaiserstädtischen Fanklubgeschichte.

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Über den Pratsch

Als wir die ersten Buchstaben tippten, um unsere fixe Idee eines Alemannia-Magazins in die Tat umzusetzen, spielte Henri Heeren noch in Schwarz-Gelb. Jupp Ivanovic machte drei Buden am Millerntor und trotzdem träumte niemand von Bundesliga oder Europapokal. Das ist lange her. In der Zwischenzeit waren wir mit dem TSV ganz oben. Wir sind mit ihm ziemlich unten. Aufgehört haben wir unterwegs irgendwie nie. Neue Ausgaben kamen mal in größeren, mal in kleineren Abständen. Und jetzt schreiben wir halt auch noch das Internet voll.

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