Der Vorsitzende des Verwaltungsrates des TSV Alemannia Aachen will sich in Sachen Investor nicht wirklich festlegen lassen und äußert seine Angst um den Gesamtverein.

Wie haben Sie die Jahreshauptversammlung der Alemannia Ende Juni und die Stimmung im Verein erlebt? Besonders vor dem Hintergrund der anstehenden Entscheidung, die Alemannia Aachen GmbH an einen Investor zu verkaufen.

Über weite Strecken habe ich eine recht sachliche Diskussion erlebt, die zu später Stunde emotionaler wurde. Ich habe auch gesehen, dass die Geschäftsführung der GmbH Zahlen und Fakten in einer Transparenz vorgelegt hat, die wir in der Vergangenheit nicht immer so erlebt haben. Das unterstreicht das Bemühen der Gremien, auf alle berechtigten Fragen mit konkreten Informationen zu antworten. Ich bewerte das positiv.

Andererseits wurde ein Mitgliedsantrag zur Festlegung einer Höchstgrenze beim Anteilsverkauf mit der Drohung „Wenn der Antrag durchkommt können wir die Gespräche nicht weiterführen“ abgewürgt. Scheinbar ein Rückfall in altbewehrte erpresserische Muster. Als Jurist muss Sie solch eine Vorgehensweise doch ärgern.

Ich habe früher auch im Plenum gestanden und versucht, die Verantwortlichen auf dem Podium ins Schwitzen zu bringen. Heute sitze ich da oben und merke, dass nicht alle Eventualitäten und Reaktionen von Vornherein planbar sind und es deshalb zu solchen Reibungen kommt. Richtig ist sicherlich, dass wir die Veranstaltung hätten noch besser vorbereiten sollen. Da spreche ich Präsidium, Verwaltungsrat und Aufsichtsrat gleichermaßen an. Das eine oder andere wäre dann vermeidbar gewesen.

„Das Risiko, dass es den Verein zerreißen kann, darf man nicht ignorieren.“

Dr. Martin Fröhlich

Dr. Martin Fröhlich

Sie halten also nichts von diesem Pistole-auf-die-Brust-setzen.

Ich halte grundsätzlich nicht so viel davon, etwas als alternativlos zu bezeichnen oder zu sagen, dass man keine Wahl hätte. Man hat immer eine Alternative. Man muss sich nur über die Konsequenzen einer Entscheidung im Klaren sein. Das gilt für jeden von uns.

Lassen wir das mal so stehen. Haben Sie Angst, dass die Diskussion um den Verkauf der GmbH an Schärfe zunehmen und den Gesamtverein vor eine Zerreißprobe stellen wird?

Wir alle stehen vor der mit Sicherheit wichtigsten Entscheidung, die der Verein Alemannia Aachen je zu treffen hatte. Darin liegt eine enorme Brisanz. Das Risiko, dass es den Verein zerreißen kann, darf man nicht ignorieren. Am Beispiel Hannover 96 kann man sehen, zu welchen Erschütterungen es kommen kann. Um diese Gefahr zu bannen, bedarf es höchster Anstrengungen aller Beteiligten. Ich habe die Hoffnung, dass wir das gemeinsam hinbekommen.

Bei einem eventuellen Verkauf der Alemannia Aachen GmbH muss auch der Stammverein fürchten, nicht ungeschoren davon zu kommen. Wenn er sein Kerngeschäft in fremde Hände gibt, könnten Mitglieder sich fragen, warum sie noch Mitglied im TSV sein sollen.

In der Tat könnte für viele Mitglieder zunächst einmal der Grund für ihre Mitgliedschaft entfallen. Das müssen Verwaltungsrat und Präsidium im Blick haben und frühzeitig gegensteuern. Für den Fall der Fälle müsste man versuchen, die Mitgliedschaft bei der Alemannia attraktiv zu gestalten. Verträge dieser Art können zum Beispiel den Erhalt der Vergünstigungen bei Tickets oder den Rabatt auf die Merchandisingartikel für Mitglieder regeln.

Das attraktivste Moment wäre sicherlich die Sicherung eines Mitspracherechtes für die Mitgliedsversammlung.

Das wäre ein wesentliches Element. Das wird aber sehr schwierig zu erreichen sein. Ein Investor will das „Sagen“ haben. Insbesondere, wenn die 50+1 Regelung fallen sollte. Die Sicherung von Mitspracherechten des Vereins wird aus meiner Sicht einer der ganz entscheidenden Punkte in den Verhandlungen sein.

Inwieweit hat der Verwaltungsrat überhaupt Einfluss auf die Verhandlungen mit dem potentiellen Investor? Inwieweit sind Sie eingebunden? Man hat als Außenstehender den Eindruck, dass einzig der Aufsichtsrat der Alemannia Aachen GmbH das Heft des Handelns in der Hand hält. Immerhin ist der Verwaltungsrat das oberste Kontrollorgan des jetzigen Inhabers der GmbH.

Wie Sie richtig feststellten, sind wir ein Kontroll- und Beratungsorgan. Das operative Geschäft gehört nicht zu unseren Aufgaben. Unser Job ist die Beratung und Kontrolle des Präsidiums des Stammvereins. Sobald Präsidium und Aufsichtsrat ein konkretes Verhandlungsergebnis vorlegen, werden wir uns mit diesem beschäftigen, es diskutieren und bewerten. Die letztendliche Entscheidung trifft dann nicht die GmbH, sondern deren Inhaber. Und das ist der TSV, und damit letztlich die Mitglieder.

„Von einem abstimmungsfähigen Ergebnis ist man noch ein ganzes Stück entfernt.“

Heißt das, dass Ihnen noch keine Verhandlung- oder gar Vertragsinhalte vorliegen?

Wir kennen natürlich den jeweils aktuellen Sachstand. Aber von einem abstimmungsfähigen Ergebnis sind unsere Verhandlungsführer noch ein ganzes Stück entfernt.

Und bevor nichts spruchreif ist, kümmert sich der Verwaltungsrat auch nicht um die Angelegenheit? Immerhin hört man aus dem Verwaltungsrat öffentlich nichts zu diesem Thema.

Das stimmt doch einfach nicht. Wie kommen Sie zu der Einschätzung? Ich selber bin als Vorsitzender des Verwaltungsrats bei den Aufsichtsratssitzungen dabei und über den Stand der Gespräche informiert. Ich berichte meinem Gremium regelmäßig und vollständig. Wir bekommen alle Informationen, die wir einfordern. Wir begleiten den Prozess. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, das Ganze in der Öffentlichkeit zu bewerten und zu kommentieren. Noch nicht. Sobald der Aufsichtsrat und das Präsidium ein aus ihrer Sicht abstimmungsfähiges Vertragswerk vorgelegt haben, werden wir uns äußern.

Nun wünschen sich einzelne Mitglieder des Verwaltungsrates hinter vorgehaltener Hand durchaus mehr Initiative des Gremiums.

Von mir werden Sie keine Interna aus dem Verwaltungsrat hören. Ich kann guten Gewissens sagen, dass wir alle Informationen bekommen, die wir benötigen. Und dass wir uns ständig über die Sachlage austauschen, das Für und Wider eines Verkaufs diskutieren und versuchen, alle Eventualitäten abzuwägen. Doch öffentlich sollten wir über Schwebezustände nicht kommunizieren.

Heißt das, dass sich der Verwaltungsrat zu einem vom Aufsichtsrat ausverhandelten Vertrag öffentlich äußern wird?

Davon können Sie ausgehen. Im Laufe der außerordentlichen Mitgliederversammlung würde man uns völlig zu Recht ja ohnehin nach unserer Meinung fragen.

„Ich will nicht ausschließen, dass der Verwaltungsrat eine Abstimmungsempfehlung ausspricht.“

Wird der Verwaltungsrat auch soweit gehen, vor der entscheidenden Mitgliederversammlung eine deutliche Abstimmungsempfehlung auszusprechen?

Ich will das nicht gänzlich ausschließen. Aber das ginge nur, wenn es in unserem Gremium auch eine deutliche Mehrheit entweder für ein Ja oder ein Nein geben würde. Wäre bei uns das Meinungsbild nicht so eindeutig, könnten wir eine solche Empfehlung nicht aussprechen.

Wie stellt sich das derzeitige Stimmungsbild im Verwaltungsrat denn dar? Wir fragen das, obwohl wir eigentlich schon wissen, dass Sie darauf nicht antworten werden.

Auch mir ist bewusst, dass Sie das fragen müssen. Aber Sie haben Recht: Wir geben keine Wasserstandsmeldungen ab. Ein Votum kann es ohnehin noch nicht geben, weil wir noch keine Entscheidungsgrundlage auf dem Tisch haben.

Dann fragen wir Sie persönlich doch schon mal heute. Der Aufsichtsrat hat die Katze ja inzwischen aus dem Sack gelassen. Der Investor strebt über kurz oder lang 80 Prozent der GmbH-Anteile an. Würde Martin Fröhlich einen solchen de facto Komplettverkauf oder generell den Verkauf einer Anteilsmehrheit überhaupt zustimmen?

Auch das müssen Sie fragen. Aber haben Sie bitte Verständnis dafür, dass das eben genannte Verfahren auch für mich gilt: Erst müssen alle Fakten klar sein. Dann diskutieren wir in den Gremien. Danach äußere ich mich in aller Ausführlichkeit öffentlich.

Hat der Verwaltungsrat von sich aus mögliche Alternativen zu einem Verkauf entwickelt?

Natürlich diskutieren wir Alternativen. Wir haben auch das Eine oder Andere ausprobiert. Weitere Ideen sind durchaus willkommen. Aber wie bereits erwähnt: Wir sind kein operativ tätiges Gremium.

„Die Bereitschaft zu einer konzertierten Aktion ist nicht besonders ausgeprägt.“

Eine Idee wäre eine Initiative nach dem Beispiel des Essener Modells. Dort haben Stadt, städtische Unternehmen und die lokale Wirtschaft den Schulterschluss für Rot-Weiss Essen geschafft.

Das ist eine vorbildliche Initiative, die nach meiner Kenntnis von der Stadt Essen ausging. Und ich würde es mir sehr wünschen, wenn so etwas auch in Aachen greifen würde. Glauben Sie mir: Wir haben schon Anläufe in diese Richtung unternommen. Aber die Erfahrung zeigt: Die Bereitschaft zu solch einer konzertierten Aktion ist weder bei der Stadt Aachen noch bei der lokalen Wirtschaft besonders ausgeprägt. Vielleicht wurde dazu in der Vergangenheit zu viel Porzellan zerschlagen und Vertrauen zerstört.

Können Sie sich vorstellen, dass der Verwaltungsrat das Präsidium letztendlich anweist, einem Verkauf der GmbH nicht zuzustimmen?

Schwerlich. Der Souverän ist und bleibt die Mitgliederversammlung. Die Mitglieder haben das Recht aber auch die Verantwortung, über die Zukunft des gesamten Vereins zu bestimmen. Beides darf man ihnen nicht nehmen. Und das Votum der Mitglieder ist dann von allen Gremien ohne Wenn und Aber zu akzeptieren.

In der Vergangenheit wurde nicht selten versucht, solche Entscheidungen zu beeinflussen, indem man beispielsweise ausreichend stimmberechtigte Aktive aus den Abteilungen mit einem klaren Abstimmungsauftrag rekrutierte. Können Sie so etwas in diesem grundsätzlichen Fall ausschließen?

Ich möchte nicht über die vergangenen Mitgliederversammlungen urteilen. Alle, die für eine solche Veranstaltung Verantwortung tragen, müssen dafür sorgen, dass diese korrekt, fair und transparent abläuft. Eine solche Entscheidung darf nicht mit faulen Tricks herbeigeführt werden.

Können Sie uns schon verraten, wann die außerordentliche Mitgliederversammlung stattfinden wird? Es war einmal vom September 2016 die Rede.

Aus meiner Sicht ist der September sehr ambitioniert. Dafür ist noch viel zu viel zu tun. Erst einmal muss ein Verhandlungsergebnis erzielt werden. Dann müssen sich die Gremien eine Meinung bilden. Zudem gilt es, ein Verhandlungsergebnis den Mitgliedern zu vermitteln. Die Mitgliederversammlung muss akribisch vorbereitet werden. Außerdem wäre zwangsläufig auch noch eine Änderung der Vereinssatzung vorzubereiten. Stand heute wird bis zur Mitgliederversammlung noch einige Zeit vergehen, vermutlich bis in den Herbst. Im Moment ist aber noch vieles unklar. Lassen Sie uns noch mal abwarten.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Dr. Martin Fröhlich (34) ist seit März 2014 Vorsitzender des Verwaltungsrates des TSV Alemannia Aachen. Der Volljurist ist Leiter der Rechtsabteilung der Krüger-Gruppe in Bergisch-Gladbach. Fröhlich gilt als Spezialist für Unternehmensfusionen und –käufe (Mergers & Acquisitions). Der Verwaltungsrat ist das oberste Kontrollorgan des TSV Alemannia Aachen und somit des Besitzers der Alemannia Aachen GmbH. Die Aufgabe des Gremiums ist die Kontrolle und Beratung des Vereinsvorstands. Und der Vorstand wiederum ist mit Horst Reimig, Tim Hammer und Oliver Laven gleich dreifach im Aufsichtsrat der GmbH vertreten.